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Bei ruhenden Bällen wird Darius Scholtysik immer hektisch. Der 59-Jährige springt dann von der Bank des SV Darmstadt 98 auf und fängt am Spielfeldrand an zu gestikulieren, um die Lilien-Spieler zu dirigieren. Das ist auch sein Job. Der ehemalige Profi (24 Bundesliga-Einsätze für Uerdingen) ist Standardtrainer bei den Lilien.
Nach seiner Spielerkarriere hatte Scholtysik viele Jahre mit Cheftrainer Torsten Lieberknecht zusammengearbeitet – erst in Braunschweig, dann in Duisburg. Im Sommer 2024 holte ihn Lieberknecht von der TSG Hoffenheim ans Böllenfalltor. Wenige Monate später war Lieberknecht in Darmstadt Geschichte. Doch Scholtysik blieb – womit er nicht unbedingt gerechnet hatte.
Dem Lilienblog gewährte er nun Einblick in seine Arbeit, erzählt über die Bedeutung der ruhenden Bälle und die Schlüsselaspekte erfolgreicher Standards, verrät aber auch, warum er nie Cheftrainer geworden ist, wie die Zusammenarbeit mit Florian Kohfeldt aussieht und was für ihn die Faszination Fußball ausmacht.
Wie der Spieler Scholtysik als Standardschütze war
Bei seitlichen Freistößen habe ich mit meinem stärkeren rechten Fuß sehr oft geschossen. Bei Ecken war ich der Rückraumspieler, weil ich einen relativ guten Schuss hatte, was die Entfernung angeht. Früher stand man aber bei einem seitlichen Freistoß auch nicht im Abseits. Da hat sich einiges geändert. Gegnerische Spieler bewegen sich heute taktisch geschickter, blocken oder laufen in freie Räume.
Was sich im Training geändert hat
Standards wurden früher weniger systematisch trainiert, obwohl man schon gewusst hat, dass sie Spiele entscheiden können. Die Trainer haben meist nur grobe Anweisungen gegeben, wie etwa den Ball zwischen Torwart und Abwehr zu schlagen. Heute hingegen wird jedes Detail akribisch analysiert.

„Standards wurden früher weniger systematisch trainiert.“
Wo Otto Rehhagel seiner Zeit voraus war
Otto Rehhagel hat Standardsituationen schon früh als eine der wichtigsten Komponenten des Spiels bezeichnet. Er hat betont, dass über 30 Prozent der Tore aus Standards entstehen. Während viele Spieler solche Phasen als kurze Erholungsmomente betrachtet haben, hat Rehhagel das Gegenteil gefordert: höchste Konzentration genau in diesen Momenten. Bestes Beispiel: Rehhagels Erfolg mit der griechischen Nationalmannschaft, die 2004 durch disziplinierte und effektive Standards Europameister wurde. Standards waren da keineswegs Zufall, sondern eine bewusst eingesetzte und erfolgsentscheidende Waffe.
Drei Schlüsselaspekte erfolgreicher Standards
Erstens muss der Schütze präzise und zielgerichtet agieren. Zweitens müssen die blockenden Spieler das richtige Timing finden, um Räume zu schaffen. Drittens müssen die Einläufer – also die Zielspieler – wissen, wann und wie sie in den Raum starten. Diese komplexen Abläufe erfordern intensive Abstimmung und Übung. Aber auch Zufall spielt manchmal eine Rolle – etwa, wenn ein abgefälschter Ball einem Mitspieler vor die Füße fällt.
Welche Rolle Flexibilität und Reaktionsfähigkeit spielen
Standardtraining muss trotz aller Planung immer situativ bleiben. Spieler haben vorab feste Positionen, aber der Gegner kann spontan seine Aufstellung ändern – etwa durch das Hinzufügen eines dritten Spielers bei einer kurzen Ecke. In solchen Momenten müssen Trainer und Spieler schnell reagieren. Man kann sich zwar auf vieles vorbereiten, aber eben nicht auf alles.

„Grundsätzlich ist es ideal, einen festen Standardschützen zu haben.“
Einer für alles – das gibt es häufig nicht
Grundsätzlich ist es ideal, einen festen Standardschützen zu haben, der zuverlässig von beiden Seiten gefährliche Bälle liefert– so wie früher Tobi Kempe. Da solche Spieler aber die Ausnahme sind, haben wir nach der vergangenen Saison eine detaillierte Analyse durchgeführt, um herauszufinden, welcher Spieler welche Seite und welche Standardsituation am besten bespielen kann. Wir haben die Verantwortung auf mehrere Spieler verteilt – etwa auf Sergio Lopez, Fabian Nürnberger, Luca Marseiler, Marco Richter oder auch Matej Maglica.
Warum Auswechslungen oft Herausforderungen sind
Eine der größten Schwierigkeiten im Standardmanagement sind Spielerwechsel. Da Spieler unterschiedliche körperliche Voraussetzungen haben – nehmen wir Aleksandar Vukotic im Vergleich zu Mey Papela – können die Aufgaben bei Standards nicht einfach eins zu eins übernommen werden. Nach einer Einwechslung müssen die Spieler schnell über ihre neuen Positionen und Aufgaben informiert werden, was zu hektischen Momenten führen kann. Oft gibt es Anweisungen über Zettel oder Mitspieler. Doch im Eifer des Gefechts können Informationen verloren gehen, besonders wenn gleichzeitig taktische Instruktionen des Cheftrainers vermittelt werden.
Wie die Videoanalyse und Zusammenarbeit mit dem Torwarttrainer funktioniert
Videoanalyse ist sehr wichtig geworden. Da macht insbesondere Johannes Behlau einen richtig guten Job. Ich schaue mir Aufnahmen der Gegner mehrfach an, sowohl mit als auch ohne Ball, um auch abseits des Ballgeschehens Bewegungen zu erkennen und Strategien abzuleiten. Häufig ergeben sich nämlich Gefahren oder Chancen aus sekundären Situationen, die leicht übersehen werden. Zudem tausche ich mich regelmäßig mit unserem Torwarttrainer Alexander Kynaß aus, der aus defensiver Sicht wertvolle Hinweise gibt.
So sieht die Trainingswoche des Standardtrainers aus
Nach einem Spiel analysieren wir zunächst die eigenen Standardsituationen. Anschließend widmen wir uns dem kommenden Gegner, sammeln Videomaterial – zum letzten Gegner Hannover waren es etwa anderthalb Stunden. Die entsprechenden Sequenzen schneiden wir und erstellen animierte Darstellungen. Diese Visualisierungen – mit Markierungen, Kreisen oder Pfeilen – helfen den Spielern, die taktischen Vorgaben besser zu verstehen. Ziel ist es, die Präsentation so einfach und einprägsam wie möglich zu gestalten, damit die Spieler im Spiel schnell reagieren können.

„Eine der größten Schwierigkeiten im Standardmanagement sind Spielerwechsel.“
Welche Rolle Standards im Training spielen
Zweimal pro Woche haben wir spezielle Trainingseinheiten für Standards, in denen die Mannschaft sowohl offensiv als auch defensiv gezielt auf den nächsten Gegner vorbereitet wird. Wir geben den Spielern Varianten an die Hand, die sie situativ anwenden können. Wichtig ist, dass die Spieler durch wiederholtes Üben genau wissen, welche Abläufe wann zum Einsatz kommen. Besonders wenn der vorgesehene Standardschütze verletzt oder angeschlagen ist, muss ein anderer Spieler einspringen und wissen, wohin der Ball platziert werden soll. Auch die Blocker und Einläufer müssen sich entsprechend anpassen.
So sieht die Rollenverteilung an der Seitenlinie aus
Während des Spiels gilt eine klare Regelung: In der Coaching-Zone darf nur ein Trainer stehen – entweder der Cheftrainer oder ich. Wenn Flo steht und es eine Standardsituation gibt, setzt er sich meist hin, sodass ich in der Zone agieren und mit den Spielern kommunizieren kann. Dadurch wissen die Spieler genau, wer in dieser Situation die Ansagen gibt. Das erleichtert die Orientierung auf dem Platz.
Was Florian Kohfeldt für Scholtysik auszeichnet
Flo ist äußerst akribisch. Gemeinsam analysieren wir regelmäßig Spiele, um Verbesserungen zu finden. Nach der vergangenen Saison haben wir uns als Trainerteam und Staff sogar zwei Tage lang eingeschlossen, um die Spielzeit im Detail zu besprechen. Dabei entstanden auch für den Bereich Standards neue Ideen, auch durch personelle Veränderungen im Kader. Mit der Verpflichtung von Paddy Pfeiffer haben wir beispielsweise dann durch seine Größe eine neue Waffe für Standardsituationen gewonnen.

„Mir geht es darum, den Fußball in seiner Tiefe zu verstehen.“
Warum Scholtysik keinen Job als Cheftrainer anstrebt
Ich habe 2016 den Fußballlehrer-Lehrgang in Hennef gemacht, zusammen mit Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco und Daniel Thioune, und war damals der Älteste. Mein Ziel war nicht, Cheftrainer zu werden. Mir geht es vielmehr darum, den Fußball in seiner Tiefe zu verstehen und die Prozesse hinter dem Spiel besser zu begreifen. Mich haben die Denkweisen anderer Trainer interessiert, die Hintergründe taktischer Entscheidungen und die psychologischen Prozesse hinter den Handlungen der Spieler. Meine Motivation liegt im inhaltlichen Arbeiten und in der Detailarbeit mit den Spielern, nicht im Streben nach hierarchischer Macht oder öffentlicher Aufmerksamkeit.
Wofür Scholtysik den Fußball liebt
Als Matej Maglica gegen Braunschweig zum Freistoß angelaufen ist, habe ich geschrien: „Geh hin, pure Gewalt.“ Matej sollte den Ball mit voller Wucht aufs Tor bringen. Tatsächlich ging der Ball durch die Beine eines springenden Spielers und landete in der Ecke. Es war nicht nur der Standard an sich, sondern die emotionale Wucht solcher späten Erfolgserlebnisse. Der unfassbare Moment, als alle Spieler auf Matej gestürzt sind – dafür liebt man den Fußball.
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Bildquellen
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- Scholtysik: Stephan Köhnlein


Ein Theopraktiker wie aus dem DFB Lehrbuch.