Paul Fernie ist Engländer, doch den Fußball in seiner Heimat sieht der Sportdirektor des SV Darmstadt 98 durchaus kritisch. Über die Unterschiede auf Vereinsebene, aber auch in den Stadien spricht der Sportdirektor des SV Darmstadt 98 im vierten und letzten Teil des großen Lilienblog-Interviews.
Transfereinnahmen sind ein wichtiger Baustein der Finanzierung der Vereine neben TV-Geldern, Sponsoren und Zuschauereinnahmen. Funktioniert dieses Modell auf Dauer oder braucht man nicht doch neue Quellen wie etwa einen Investor, um im internationalen Vergleich mitzuhalten?
Ich schätze hier in Deutschland die 50-plus-1-Regel. Ich habe in England erfahren, was passiert, wenn es die nicht gibt. Das waren teilweise richtige Horrorstorys. Hier in Darmstadt beschäftigen wir uns natürlich auch mit Ideen, wie wir unsere Einnahmen erhöhen können – auch wenn ich im Detail nicht darauf eingehen kann.
Gibt es etwas aus England, was du gerne umsetzen würdest für deine Arbeit hier?
Ich habe zehn Jahre lang in verschiedenen Funktionen und in verschiedenen Vereinen in England gearbeitet. Es gibt überall gute und schlechte Ideen. Immer noch lustig finde ich hier die Debatte über die englischen Wochen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele zittern, weil es mal drei Spiel in einem kurzen Zeitfenster gibt. Umgekehrt würde ich es begrüßen, wenn es in England eine Winterpause gäbe. Es ist fast schon unmoralisch, was den Spielern mit vier, manchmal fünf verschiedenen Wettbewerben ohne Pause zugemutet wird.
Und was ist mit dem Stadionerlebnis in England?
Ich habe den Eindruck, dass einige in Deutschland nach England gucken und sagen: Wie geil ist das dort im Stadion? Ich gehe da komplett in eine andere Richtung. Die Stimmung hier ist allgemein viel besser. Ich habe das Gefühl, in England wird oft auf einen Freistoß oder eine Ecke gewartet, erst dann sind die Fans da. Ansonsten ist es relativ ruhig während des Spiels.
Ist denn England für dich perspektivisch nochmal ein Thema?
Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Ich habe auch schon Anfragen abgelehnt. Ich liebe mein Leben hier in Deutschland, ich liebe deutschen Fußball. Es wäre natürlich schön, meine Familie in England ein bisschen öfter zu sehen, aber was den Fußball betrifft, was den Job betrifft, ist das nicht in meinen Gedanken.
Was wünschst du dir als Sportdirektor für das kommende Jahr?
Dass wir unseren Weg konsequent weitergehen. Ich habe hier vor ungefähr 20 Monaten angefangen und der Weg macht brutal viel Spaß. Ich liebe es, hier zu arbeiten und die Fortschritte zu sehen, die wir gemacht haben.
Den Aufstieg wünscht ihr euch nicht?
Das Wort Aufstieg würde ich nie in den Mund nehmen. Ich weiß, das ist eine total langweilige Antwort. Aber wir gucken wirklich von Spiel zu Spiel. Wir bauen gar keinen Druck auf. Das machen Flo und sein Team überragend jeden Tag in den Trainingseinheiten. Die Jungs bleiben fokussiert. Und das wird sich nicht ändern bei uns.
Paul, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für das neue Jahr!
Das große Lilienblog-Interview mit Paul Fernie läuft in vier thematisch gegliederten Teilen. Die einzelnen Passagen im Wortlaut:
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Teil 1: Fernie spricht hier (->) über Staff, Strukturen und die Trennung von Michael Stegmayer.
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Teil 2: Hier (->) spricht Fernie über Scouting, Teamgeist und Hiroki Akiyama.
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Teil 3: Welche personellen Pläne Fernie in der Winterpause personell plant, lest ihr hier( ->).
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Teil 4: Was Fernie am deutschen Fußball liebt und wie er zu einer Rückkehr in seine Heimat England steht, erfahrt ihr hier.
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Bildquellen
- IMG_2025-12-29-175952: Lauro Meisterjahn


