Wenn der SV Darmstadt 98 am nächsten Sonntag beim VfL Bochum antritt, wird der Verfasser dieser Zeilen mit von der Partie sein – und im siebten Fußballhimmel. Warum? Das erzählt Lilienblog-Autor Martin Hohmann bereitwillig in seiner neuen Glosse „Böllen. Fallen. Tore.“ Und egal, wie das Spiel ausgeht: Zwischen Lilien und VfL steht es unentschieden.
Ich sag’s gleich: Der Glossist wird am Sonntag im Ruhrstadion im Heimbereich sitzen. Zusammen mit seinem engsten Freund wird er lauthals die VfL-Hymne singen und auch wenn er dabei textlich gezwungen sein wird, zu lügen („Vauu Eeef Eeel, mein Herz schlägt nur für dich“), wird er trotzdem „Pippi inne Augen“ haben. Wenn sie dann kurz vor Anpfiff „Bochum“ auflegen, werden bei ihm endgültig alle emotionalen Dämme brechen. Wahrscheinlich wird er sich sogar seinen alten VfL-Schal umlegen.
Liebe Bochumer, hilft aber alles nix: Ab Anpfiff fiebert er dann trotzdem mit seinen Lilien – und freut sich schon jetzt auf die drei Punkte, die wir über die Sauerlandlinie (kann man ja wieder fahren) nach Südhessen abtransportiert werden!
„Was ist los mit dem Kerl?“, fragt sich jetzt die geneigte Leserschaft. „Verräter!“, „Treuloser Geselle!!“, „Ruhrpott-Kanacke!!!“ tippen flugs die ersten in die Kommentarspalten.
Gemach! Alles halb so wild. Es ist einfach so, dass der Autor sieben Jahre lang, von 1993 bis 2000 und auch noch ein bisschen darüber hinaus, an Heimspieltagen ins gute alte Ruhrstadion gepilgert ist. Weil er nämlich in diesen Jahren, von Darmstadt weggezogen, in Bochum studiert und gelebt hat. Und das sehr, sehr gerne. Und deshalb weiß er: VfL is’ schon geil!

Der Zweitschal des Glossisten
Absteiger!
Immerhin, in Darmstadt war vor 1993 jahrelang dröge Fußball-Schonkost serviert worden. Und dann plötzlich sowas: Erste Bundesliga!!! Und gleich ein Heimsieg gegen Bremen. Ruhrstadion voll. Geile Kulisse. Eng, echt, emotional. Da war’s um den Glossisten geschehen.
Aber zu früh gefreut: Der Wechsel des Autors von Darmstadt nach Bochum sollte beiden Vereinen nicht gut bekommen. OHNE den Support des Glossisten stiegen die Lilien nach 22 Jahren in den Deutschen Fußball-Oberhäusern prompt in die damals drittklassige Oberliga Hessen ab – und spielten ab dann bekanntlich 23 Jahre lang unterklassig.
Den VfL traf es allerdings noch härter: Seit 1971 hatte der in der 1. Bundesliga gespielt. Die „Unabsteigbaren“ wurde die Truppe respektvoll genannt. Und dann kam der Fan-Neuzugang aus Südhessen: MIT dessen Support ging’s für den VfL schnurstracks und zum ersten Mal in die 2. Bundesliga (erstes Auswärtsspiel, welche Schmach: Meppen!). Tja, „hasse Scheiße am Fuß, hasse Scheiße am Fuß“, wie sie im Pott sagen.
… und zwischendurch UEFA-Cup!
Wurde aber auch wieder besser: Spätestens mit der „Zaubermaus“ (Dariusz Wosz) kam für die „Graue Maus“ der Bundesliga wieder Farbe ins Spiel. Von den legendären Trikots des damaligen Hauptsponsors Faber gar nicht zu reden. Die machten den Regenbogen lange vor LGBQ nicht nur salon-, sondern stadionfähig und sicherten dem VfL über Jahre den Spitzenplatz in der ewigen Tabelle der „Schlimmsten Fußballer-Hemdchen“.
Mannomann, und dann kam Klaus Toppmöller. Und was hatten wir mit dem sensationelle UEFA-Cup-Abende im Ruhrstadion: Trabzonspor! Brügge!! Ajax!!! Achtelfinal-Rückspiel. Knapp vergeigt. Danach zu spätester Stunde Toppi mit zwei WAZ-Journalisten noch im Café Madrid am Nordring. Quarzquarz, qualmqualm, schluckschluck … und noch drei Pilsken bitte! Doch, doch, das war schon eine geile Zeit …
Illustre Namen spielten damals an der Castroper Straße, da wehte durchaus ein Hauch von Glam und Glitter rüber zum Förderturm des Bergbaumuseums: Eric Wynalda (fast auch mal Alexi Lalas), Roland Wohlfahrt (ich sach nur: Recatol, Norephedrin), Maurizio Gaudino (ich sach nur: Autosch…lüssel), Vahid Hashemian (ich sach nur: Hubschrauber) und und und …
Das alles sollte man bedenken, wenn man am Sonntag das Ruhrstadion betritt. Und ein bisschen Ehrfurcht ist dann nicht fehl am Platz. Wer spielt schon in Düsseldorf …
Das direkte Duell
Aber trotz all dieser wehmütigen Erinnerungen jetzt mal ganz im Vertrauen: Es gibt so viele Ähnlichkeiten zwischen dem VfL und den Lilien. Man kann (und muss) sie einfach beide gern haben. Also bitte mal der Blick fürs Detail im direkten Duell:
Stadion:
Über das Bölle, vor allem das alte Bölle, müssen im Lilienblog keine Worte verloren werden. Aber mit dem Prädikat „altehrwürdig“ brauch man einem Bochumer gar nicht erst kommen: Das Ruhrstadion war und ist das „Schatzkästlein“ der (jeder) Liga. Eine lupenreine Fußballbude, dicht am Spiel, kurze Wege, quadratisch praktisch gut. Alle Ränge überdacht, daher geht auch nicht ein Dezibel der geilen Stimmung verloren, Gänsehaut, Beton-Brutalismus vom Feinsten. Die müssen sich hinter Darmstadt nicht verstecken.
Unentschieden, Zwischenstand: 1:1
Lage und Anmarsch:
Während das Ruhrstadion „anne Castroper“ noch im Stadtgebiet liegt, muss man in Darmstadt schon von Randlage sprechen. Aber das ist schlicht der Größe beider Städte geschuldet. Laufweg von der Innenstadt jeweils ca. 25 Minuten. Der Anmarsch ist vergleichbar: es geht bergauf. Die Szenerie: Ähnlich: Entweder durch die gehobene Wohngegend (DA: über den Steinberg, BO: am Stadtpark lang) oder etwas schmuckloser (DA: Nieder-Ramstädter, BO: vom Ring aus die Castroper hoch), leichte bis mittlere Steigung, Stadion oben.
Unentschieden, Zwischenstand: 2:2
Straßenbahn:
Tja, da beißt die Maus keinen Faden ab: Bochum, du hast es besser! Während die HEAG uns noch etwa 100 Meter bis zum ersten Kassenhäuschen laufen lässt, bringt die BOGESTRA (Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahngesellschaft) die Fans bis ca. 30 Meter ans Stadion ran. Und beim Abtransport sind sie auch fixer. Fahrzeit vom Hbf Bochum mit 308, 316 oder 318 ca. 3 Minuten. Unschlagbar.
Zwischenstand aus Bochumer Sicht: 3:2
Bier (im Stadion):
Das wäre bis vor wenigen Jahren unentschieden ausgegangen. In Bochum wird das Bier dieser Stadt gereicht: Moritz Fiege. Ich wette: Bei einer Blindverkostung könnten das 95 von 100 Testern nicht von Pfungstädter unterscheiden: frisch, herb, hopfig. Aber die Zeiten sind vorbei, wir wissen, was am Bölle seit einiger Zeit für eine Plörre „verzapft“ wird.
Zwischenstand: 4:2 Bochum.
Bier (rund ums Stadion):
Eine Blaue Lagune haben sie in Bochum auch: 200 Meter vom Stadion die Castroper lang stadtauswärts. Immerhin: Aral hat seinen Hauptsitz in der Stadt! Letzter echter Tankstopp vor dem Stadion: in DA die Lilienschänke, in Bochum entweder die Bude an der Ecke Castroper / Stadionring oder natürlich die Ritterburg, Ecke Castroper / Quellenweg (beide mit Grillstand). Und wenn wir mal in Wirtshäusern denken: Gegen unseren Grohe setzt Bochum (deutlich näher) das „Haus Frein“. Hier wie dort: Wer sich als Gästefan anständig benimmt, wird keine Probleme haben. Unentschieden.
Zwischenstand: 5:3
Stadionwurst:
Wertung muss wegen mangelnder Sachkenntnis des Autors entfallen. Gäbe es die Kategorie „Stadionwurst (rund ums Stadion)“ hätte bis vor einigen Jahren der VfL nochmal erhöht. Kein Wunder, denn Grönemeyer hat nicht nur eine Hymne auf Bochum geschrieben, sondern auch auf die Currywurst („Gehste inne Stadt, wat macht dich da satt …“). Und diese besungene und verewigte Currywurst war die Currywurst von Dönninghaus. Konnte man sich seinerzeit noch an der ursprünglichen Dönninghaus-Wurstbude am Nordring, Ecke Kortumstraße kaufen – leider nicht an Spieltagen, weil entweder zu spät oder Wochenende. Ist jetzt schon längst größer aufgezogen im Bermudadreieck, aber für den Autor standen Herbert und Begleiter („Ich brauch wat im Bauch, für mein’ Schwager hier auch …“) immer vor der alten Dönninghaus-Bude am Nordring.
Flutlichtmasten:
Fast identische Bauart, oktagonaler Säulen-Schnitt. Unentschieden.
Zwischenstand: 6:4
Hymne:
Tja, was soll man sagen: Alberto ist nicht „Herbie“. Und der hat mit „Bochum“ natürlich ein Liedchen geschrieben, das auch dann Gänsehaut macht, wenn man nicht zum VfL hält oder aus Bochum stammt. Außerdem war „Bochum“ schon drei Jahre früher am Start. Und auch wenn jetzt die Erbsenzähler aus den Löchern kommen und (zu recht) behaupten, dass „Bochum“ ja gar nicht die offizielle Hymne des VfL sei: Stimmt, aber das glauben sie ja in Bochum selbst nicht.
Deshalb Zwischenstand: 7:4 Bochum.
Letzte Wertung: Wir sind die Heiner …
… und ihr, liebe Bochumer, so leid es uns tut, eben nicht. Das zählt dreifach, ätsch!
Endstand VfL Bochum gegen Darmstadt 98 deshalb: 7:7
Wow! Was für ein Spiel. In diesem Sinne:
Gude und Glückauf!
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Bildquellen
- IMG_6700: Martin Hohmann
- BoellenFallenTore: DanyelDahlkamp



Sehr schön geschrieben! Alle Daumen hoch. Und, möge am Sonntag nicht unbedingt das bessere Team gewinnen, sondern auf jeden Fall der VfL 1848!!! 🙂
Glück Auf !
Vielen Dank, Martin. War sehr gut zu lesen und ich finde Deine Glosse macht sich!
Auf ein gutes Spiel bei und gegen Deine alte Liebe und 3 Punkte für den Rückweg!