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Man hätte es ahnen können, manch einer hat es kommen sehen. Aber dass es so schlimm werden würde, hatte sich kaum jemand im Umfeld des SV Darmstadt 98 träumen lassen. Lilienblog-Autor Martin Hohmann verrät in seiner Glosse „Böllen. Fallen. Tore.“, wessen Stunde jetzt (mal wieder) geschlagen hat – und wer sich dennoch einer noch höheren Autorität beugen muss.
Ein Gespenst geht um am Bölle: das Aufstiegsgespenst – und hinter dessen weißem Kittel weht auch die Aufstiegsangst durch Darmstadt. Seit dem deutlichen Heimsieg gegen die Roten Teufel lässt es sich nicht mehr wegdiskutieren. Nicht nur Torsten Lieberknecht hat es schon ausgesprochen. Auch die TV-Kommentatoren legten sich fest: Der erste Aufsteiger aus der 2. in die 1. BL steht fest: Darmstadt 98. 13 Spieltage vor Saisonende? Wow! So früh in der Saison hat noch nicht mal der FCB jemals vorzeitig die Meisterschaft entscheiden können.
Guter Rat ist teuer
Au weia! Und jetzt? Schon mal vorfreuen? Sich im Namen der Lieblingsmannschaft geschmeichelt fühlen? Die Gratulationen aus dem Freundeskreis und der ganzen Republik per WhatsApp schamhaft zurückweisen? Kleinlaut darauf verweisen, dass ja noch viel geschehen könne? Oder in der üblichen Fußball-Trainer-Sprech und gemäß der wahrscheinlich offiziellen internen Rede-Richtlinie des Vereins alles in Abrede stellen und behaupten, dass die volle Konzentration nur dem nächsten Spiel gelte, dass man gar nicht weiter sehe oder sehen wolle und dass die Tabelle lediglich eine „schöne Momentaufnahme“ sei?
Nichts von alledem! Denn solche Reaktionen sind nur was für Weicheier oder hoffnungslose Optimisten. Einer dagegen, weiß wirklich Bescheid und der geht jetzt in die Vollen: der Schwarzseher!
Auftritt: Schwarzseher
Er ist der einzige, der erkennt, dass die Lilien auf dem besten Weg in die ewige (oder doch zumindest einjährige) Verdammnis sind. „Bloß nicht aufsteigen“ ist deshalb sein Credo. „Zu teuer“ wird das, „zu groß für uns“, ergo „Größenwahnsinn“. Was droht? „Nur noch Klatschen“, „Wieder so ne Horrorsaison“, folglich „der direkte Wiederabstieg“, die „totale Lächerlichkeit“, „die Lachplatte der Liga“ usw. usw. Und außerdem werden auch die Dauerkarten wieder teurer.
Interessant beim Phänomen Schwarzseher: Diese fußballerischen Kassandrarufer, die jetzt vor dem Aufstieg warnen, sind meist die gleichen, die sich zu Saisonbeginn sicher waren, dass die Lilien wegen a) mangelnder spielerischer Qualität, b) zu geringer finanzieller Risikofreude des Vorstandes, c) der völlig kopflosen Kaderplanung Paul Fernies und d) dem Krombacher im Ausschank in dieser Saison a) durchgereicht würden, b) froh sein können, wenn’s gerade so noch zu Platz 15 reicht, c) Kohfeld eh bald wieder los seien oder d) am Bölle auf immer und ewig Krombacher im Ausschank haben müssten.
Auftritt: Sokrates
Allerdings ist die vermeintliche Logik der Argumentation „gegen den Aufstieg“ schlicht und ergreifend: Gaga! Versuchen wir einmal, sie in einem klassischen Dialog offenzulegen und auszuhebeln.
Das Folgende trägt sich in Athen so ca. um 490 vor Christi Geburt zu: Sokrates (Wer war das noch mal? ->) wandelt mit einem seiner Schüler, dem begeisterten, jedoch sehr furchtsamen Anhänger von Darmstadt 98 Heinerikles, über die Agora. Den beiden folgt eine Schar aufmerksamer Gelehrter, die kein Wort der Beweisführung des weisen Mannes versäumen möchten.
Sokrates: Nun sage mir aber, lieber Heinerikles, wünschst du nicht deinem Verein, der Mannschaft, mit der du Woche für Woche fieberst und deren Schicksal du so innig verfolgst, wünschst du dieser Mannschaft nicht jeden erdenklichen Erfolg?
Heinerikles: Selbstverständlich verehrter Sokrates, denn wenn diese Mannschaft erfolgreich spielt und dabei viele Tore schießt, gereicht das auch mir und all den anderen Liebhabern des schönen Darmstädter Spiels zu Genuss und Freude.
Sokrates: Trefflich argumentiert, mein lieber Heinerikles. Du wünschst dir also, dass deine Mannschaft viele Tore schießt und folglich auch viele Spiele gewinnt.
Heinerikles: In der Tat, Sokrates, das erhoffe ich, denn dann bereitet es Vergnügen, ins Stadion zu gehen.
Sokrates: Dann freust du dich also auch, Heinerikles, wenn diese deine Mannschaft infolge ihres erfolg- und siegreichen Spiels, am Ende der Saison die Berechtigung erwirbt, in der darauf folgenden Saison in der nächsthöheren Spielklasse ihre Wettkämpfe zu bestreiten.
Heinerikles: Auf gar keinen Fall wünsche ich das, weiser Sokrates.
Sokrates: Wie aber kann das sein, Heinerikles?
Heinerikles: Ganz einfach, Sokrates, aus dem Grund, dass meine Lilien, so nennen sich die tapferen Darmstädter Kämpfer für den schönen Ballsport, wenn sie nur noch gegen stärkere Mannschaften in einer höheren Liga antreten, seltener gewinnen und stattdessen häufiger verlieren werden. Und damit geht die Freude der Anteilnahme am Sieg verloren.
Sokrates: Ich verstehe. Daraus schließe ich, dass dir die Sicherheit des persönlichen Genusses über den Erfolg der Spieler geht, die sich doch über einen Aufstieg gewiss auch sehr freuen würden.
Heinerikles: Das mag sein, Sokrates, aber sie sehen wegen ihrer Euphorie nicht so deutlich wie wir Wissenden, dass ihnen, und uns mit ihnen, in der höheren Spielklasse lediglich Verdruss und Erniedrigung drohen.
Sokrates: Was also, lieber Heinerikles, schlägst du vor, um diese unangenehme Situation zu vermeiden?
Heinerikles: Nun, mich dünkt, es wäre klüger, NICHT aufzusteigen.
Sokrates: Dieser Schluss liegt tatsächlich nah, Heinerikles. Aber nun sage mir, wie ließe sich dieses Ziel wohl am besten erreichen? Mir scheint, der einzige verlässliche Weg, nicht aufzusteigen, wäre der, bereits jetzt, in der gegenwärtigen Spielklasse weniger erfolgreich zu spielen, also mehr Spiele zu verlieren, als bisher. Ist es das, was du dir wünschst?
Heinerikles: Nun, das nun auch wieder nicht, denn sonst drohen uns Verdruss und Erniedrigung ja bereits im jetzt, also in der Gegenwart und nicht erst in der Zukunft.
Sokrates: Du sagst es, Heinerikles: Wenn sie schon jetzt verliert, deine Mannschaft, ist der Misserfolg ihr sicher. Kannst du aber das Gleiche mit Sicherheit über die Zukunft sagen?
Heinerikles: Niemand, so dünkt mich, kann über die Zukunft sichere Aussagen schon in der Gegenwart treffen.
Sokrates: Das eben dünkt mich ebenso. Es könnte also sein, dass auf den Erfolg in der Gegenwart nicht notwendig auch ein Misserfolg in der Zukunft folgen muss.
Heinerikles: Notwendig nicht, aber doch sehr wahrscheinlich, meine ich.
Sokrates: Nun lässt aber auch eine hohe Wahrscheinlichkeit doch die Möglichkeit eines Erfolges in der Zukunft zu, nicht wahr? Und in der Tat meine ich mich zu erinnern, dass gerade deine Lilien auch in der Vergangenheit schon einmal ihr nur scheinbar so böses Schicksal des Aufstiegs zu einem guten Ausgang niederringen konnten und damals noch ein weiteres Jahr in der höchsten Spielklasse spielen durften.
Heinerikles: Da hast du tatsächlich Recht Sokrates, das war eine sehr schöne Zeit. Zwar gab es weniger Siege, doch diejenigen, die wir errangen, waren umso schöner. Und auch trotz der Niederlagen wurden wir geachtet und oft gelobt ob unseres Mutes und Kampfgeistes.
Sokrates: Warum aber sollte es sich nicht im vorliegenden Falle ebenso ergeben?
Heinerikles: Es ist nur so ein Gefühl.
Sokrates: Wir aber, Heinerikles, du und ich, wir möchten uns nicht einem Gefühl hingeben, sondern der Logik. Und dieser folgend, so scheint mir, können wir nur zwei Möglichkeiten in die beiden Waagschalen werfen: Misserfolg schon in der Gegenwart um möglichen künftigen Misserfolg sicher ausschließen zu können oder Erfolg in der Gegenwart ohne die Sicherheit, sondern nur die Wahrscheinlichkeit zukünftigen Misserfolgs. Oder siehst du noch eine dritte Möglichkeit.
Heinerikles: Nein, auch ich sehe nur diese zwei.
Sokrates: Welche dünkt dich nun aber verheißungsvoller und auch freudvoller, Heinerikles.
Heinerikles: Doch wohl die zweite, denn sie verspricht, wenn man alle Aspekte in Betracht zieht, insgesamt mehr Freude, Genuss, Erfolg und Achtung.
Sokrates: Ganz recht, so ist es: Lieber die schönen Momente schon jetzt mitnehmen und aufsteigen als niemals.
Heinerikles: Ich danke dir, Sokrates, dass du die Schwärze von meinem inneren Auge genommen hast. Nun darf auch ich die Sonne wieder scheinen sehen. UFFSTIECH!
Und so hat die Lilienblog-Community zur Frage „Sollen die Lilien aufsteigen?“ abgestimmt!
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Bildquellen
- BoellenFallenTore: DanyelDahlkamp
