Wenn im Leben von Alexander Kynaß alles nach Plan verlaufen wäre, dann wäre er heute wahrscheinlich Jurist mit Schwerpunkt Sportrecht. Stattdessen ist er Torwarttrainer beim SV Darmstadt 98. „Das war ehrlicherweise nicht zu erwarten“, sagt der 37-Jährige im Lilienblog-Gespräch. „Ich bin eher reingerutscht in die Nummer.“
Das mit den Zufällen fing schon bei seiner Karriere als Torhüter an. Bis er 15 war, spielte er im Feld als Linksaußen. Dann fehlte mal ein Torhüter, er sprang ein und fand Spaß daran. Später wechselte er von einem kleinen Verein zum nächsten gewechselt. „Gefühlt war ich immer erstmal die Nummer drei, aber meistens habe ich am Ende doch gespielt““, erinnert er sich.
Mit 25 war er bei TeBe Berlin angekommen, der ehemalige Bundesligist spielte damals in der sechstklassigen Berlin-Liga. Er studierte Jura und verdiente sich etwas Geld dazu, indem er einmal die Woche eine Stunde Torwarttraining gab.
Klassisches Torwarttraining fand Alexander Kynaß oft „völlig unlogisch“.
Auf Kriegsfuß mit den Torwarttrainern
Seinen Torwarttrainerschein machte er noch, um selbst besser als Keeper zu werden. „Ich stand oft auf Kriegsfuß mit meinen Torwarttrainern“, sagt er. „Das war immer: fünf Bälle links, fünf Bälle rechts, einer oben, einer unten, Medizinball. Ich habe das nie verstanden, fand das völlig unlogisch, weil das nie zum Spiel gepasst hat.“ Und so, wie er zunächst am Posten im Tor Gefallen gefunden hatte, begeisterte er sich dann auch für die Arbeit als Torwarttrainer.
„Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich für den gleichen Betrag vier-, statt wie vereinbart einmal die Woche auf dem Platz stand, jedes Heim- und jedes Auswärtsspiel mitgenommen habe und die Spiele, in denen ich selbst hätte spielen müssen, abgesagt habe mit irgendeinem fadenscheinigen Grund“, erzählt er schmunzelnd. „Dabei hat das gar keinen Sinn ergeben, weil natürlich alle gesehen haben, dass ich bei den anderen bin.“
Hospitanz bei RB Leipzig als Sprungbrett
Vor etwa 14 Jahren kam dann der Kontakt mit RB Leipzig zustande – mit Thomas Schlieck und Marco Knoop, der jetzt bei Nottingham ist und der ihm den größten Teil des Know-hows mitgegeben hat. Sie ermöglichten ihm eine Hospitanz bei RB. „Das war damals das Nonplusultra in der Torwartausbildung. Sehr modern, sehr wissenschaftlich, die haben schon datenbasiert gearbeitet, mit einer großen Nähe zum Komplextraining, also sehr spielnahen Situation. Das hat mich fasziniert.“
Kynaß legte sein Jurastudium auf Eis habe und zog nach Leipzig. Beim Halleschen FC sammelte er erste Profi-Erfahrungen als Trainer – und jeden freien Tag hospitierte er bei RB. Ein Jahr später kam dann die Chance, bei RB als Torwarttrainer zu arbeiten. „Meine Karriere bei TeBe hatte ich eigentlich schon nach einem halben Jahr inoffiziell beendet. Der Trainer hat mich sogar im letzten Spiel noch mal eine Halbzeit eingewechselt und ich dachte: Was willst denn du jetzt von mir?“, erzählt er lachend.
Zwei Jahre war Kynaß Jugendtrainer in Leipzig. Dann wechselte er zum 1. FC Köln in die Jugend, trainierte erst die U17, dann die U19 und wurde schließlich Koordinator für den Torwartbereich in der Jugend des FC. In Köln arbeitete er auch mit Martin Heck zusammen, dem heutigen Co-Trainer der Lilien. Und danach ging es Belgien zu KAS Eupen, wo ein gewisser Florian Kohfeldt Cheftrainer war. Als der langjährige Lilien-Torwarttrainer Dimo Wache im Herbst 2024 monatelang ausfiel, kam Kynaß dann nach Darmstadt.
Alexander Kynaß: Es geht um Methodik, Enthusiasmus und Pädagogik.
Profi-Erfahrung nicht zwingend
Auch wenn er selbst nie höherklassig gespielt hat – ein Torwarttrainer sollte nach Ansicht von Kynaß schon selbst im Tor gestanden haben. „Man muss dieses Gefühl haben, was passiert, wenn ein Ball auf dich zufliegt, was passiert, wenn du einen Meter vor dem Stürmer stehst und deinen ganzen Körper in den Ball bringen musst. Und man muss auch dieses Druckelement kennen. Am Ende ist man derjenige, der noch die Chance hat, ein Tor zu verhindern.“
Aber bei RB sei es egal gewesen, ob man Ex-Profi war oder nicht. „Denen ging es um die Methodik, um den Enthusiasmus, um die Pädagogik. Wie arbeitet man mit den Jungs? Wie entwickeln sich die Jungs? Und ähnlich war es später auch in Eupen, wo ich wichtige Erfahrungen gesammelt und bereits mit Flo zusammengearbeitet habe.“
Ein Interview mit Benedikt Börner, dem dritten Torhüter der Lilien, lest ihr hier ->.
Was für Alexander Kynaß gutes Torwarttraining ausmacht und wie er die Situation bei den drei Lilien-Keepern sieht, lest ihr hier ->.
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Bildquellen
- 20260310_131935(1): Jannis Lübke
- 20260310_130921(1): Jannis Lübke
- 20260310_131933(1): Jannis Lübke

