Der Autor dieser Zeilen hat am Vortag seine Dauerkarte gekündigt. Der Grund: Überdruss. Das Gesamtpaket „Lilien“ hält nicht mehr, was es verspricht. Es ist zu einem Päckchen geworden, wie viele andere: unpersönlich, verwechselbar. Gibt es eine Zukunft ohne Geschmacksverstärker? Lilienblog-Autor Martin Hohmann weiß leider in seiner heutigen Glosse „Bölle. Fallen. Tore.“ auch kein besseres Rezept. Aber dafür ist sie auch schön kurz.
„Der nächste Bitte!“ – so in etwa verlief die Verabschiedung „verdienter“ Spieler am Sonntag. Eine Reihenabfertigung und in dieser Reihe sogar Spieler, von denen noch nicht einmal sicher ist, ob sie nicht nächste Saison doch noch am Bölle auflaufen. Egal, das Ritual verlangt’s. Das machen alle so.
Für Fabi Holland dann natürlich der ganz große Bahnhof, den er sich selbstverständlich verdient hat. Wie im Jahr zuvor auch Tobi Kempe. Gehört sich so – und lässt sich Tage im Voraus und Tage im Nachhinein noch medial ausschlachten. Tatsächlich war der Autor dieser Zeilen am Sonntag eigentlich nur noch ins Stadion gegangen, um Holland zu applaudieren. Der Rest: geschenkt. Denn nun ist auch die letzte Identifikationsfigur weg, die noch ein bisschen was von den Außenseiter-Lilien verkörperte. Oder besser: gegangen worden. Ohne Not. Aber bitte: Die sportliche Leitung hat sich bestimmt was dabei gedacht, die feilen ja ständig an der Zukunft.
Angekommen in der Professionalität
Mit Ablauf der Saison 25/26 lässt sich uneingeschränkt feststellen: Die Lilien sind dort angekommen, wo sie seit langem hinwollten: in der Professionalität. Schickes Stadion, großer Staff, KI-Analyse, feiner Rasen, Medienabteilung, die aus allen Rohren schießt, gesicherte Einnahmen (könnte natürlich immer noch etwas mehr sein, deshalb: Mitglieder-Trikot = Kundenbindung). Und: eine stetige Verbesserung der sportlichen Position. Läuft rund und jeder weiß, welche Rolle er zu spielen hat. Inklusive wir als Publikum.
Nur: Damit ist auch endgültig alles im Ritual erstarrt. Die Medienwoche, die Facebook-Posts, die Sprüche („Unser Wohnzimmer“, „Danke für euer besonderes Gespür“, „Diese Flutlicht-Atmosphäre“, „Wir wollen das Spiel unbedingt gewinnen“, „Und einen dürfen wir nicht vergessen …“, „Alles auf dem Platz gelassen“, „Leider nichts Zählbares“), der Spieltag, die Gesänge, das VIP-Buffet. Die Lilien, ein Produkt: standardisiert, nett verpackt, geprüfte Qualität: Sauce Hollandaise.
Zeit für ein Break
Und auch die Diskussionen vor und nach den Spielen folgen den immer gleichen Mustern: Trainer zu emotional/zu verkopft, Spieler X gut/schlecht, Vertragslaufzeiten ja/nein, Neuzugänge taugen/taugen nix, Trikot schön/hässlich, Bierpreise zu hoch/zu nie… (nee, das gibt’s nicht). Sogar diese Glosse hier, kommt nicht so recht voran. Was tun? Zeit, mal einen Schnitt zu machen.
Die Sommerpause kommt wie immer genau zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht sogar zum richtigsten seit Jahren. Drei Monate ohne Fußball: aufatmen (und sag jetzt bitte keiner „Aber WM“ – Pah!). Transfer-Ticker-Kaffeesatz-Leserei: ignorieren. Stattdessen: besinnen, ob diese ritualisierte Pseudo-Spannungs-Maschine Ligabetrieb echte Emotion produziert oder ob wir als „Fans“ da nicht gehörig nachhelfen müssen, um uns vorzumachen, dass es uns wirklich was bedeutet.
Nach Lust und Laune
Der Glossist hat für sich beschlossen: Fußball im Allgemeinen und die Lilien im Besonderen sollen wieder Spaß machen. Deshalb: Stadion ab jetzt nur noch nach Lust und Laune und mit Einzelticket, Medienabstinenz, Blabla-Diät. Glosse? Wird schwierig, wenn man beschlossen hat, nicht mehr auf dem Laufenden sein zu wollen.
Aber mal schauen. Vielleicht wird’s ja wieder. Genug gemeckert.
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Bildquellen
- BoellenFallenTore: DanyelDahlkamp

