Es sind die höchsten Transfererlöse in der Vereinsgeschichte des SV Darmstadt 98. Und doch sind auch Murren oder zumindest Fragen zu hören, ob nicht mehr als die rund vier Millionen Euro für Fraser Hornby und/oder die rund 3,5 Millionen Euro für Isac Lidberg drin waren. Der Lilienblog nennt fünf Aspekte, die bei der Beurteilung von Ablösesummen Gewicht haben und die manchmal zu verzerrten Erwartungen führen können.
1. Das Problem mit transfermarkt.de
Bei Aussagen zu den Marktwerten von Spielern ist das Portal transfermarkt.de die erste Adresse. Das führt bisweilen zu Problemen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um eine amtliche Quelle. Hinter den Werten steht auch kein unbestechlicher Algorithmus. Vielmehr beeinflussen eine Reihe subjektiver Faktoren die Zahlen. Die Macher schreiben selbst, dass die dort genannten Marktwerte „nicht pauschal mit den tatsächlich gezahlten Ablösesummen gleichzusetzen“ sind (->). Das Ziel sei nicht, einen Preis vorherzusagen, sondern einen Erwartungswert.
Dieser werde unter Berücksichtigung verschiedener Preisfindungsmodelle sowie einem starken Einbezug der Transfermarkt-Community ermittelt, die sich in detaillierten Diskussionen mit den Werten auseinandersetze. Heißt zum Beispiel, dass es auch eine Rolle spielen kann, wenn – rein hypothetisch – ein Lilien-Fan in der Transfermarkt-Community eine Ablösesumme von zehn Millionen Euro für Lidberg vorschlägt. Und Aspekte wie nicht bekannte Vertragsklauseln (siehe Punkt 2) können bei der dieser Erwartungswertermittlung verständlicherweise auch keine Berücksichtigungen finden.
2. Unbekannte Vertragsinhalte
Bei Hornby und Lidberg waren immerhin noch die Vertragslaufzeiten bekannt (beide bis Sommer 2027), die der Verein bei neuen Spielern mittlerweile nicht mehr kommuniziert. Welche Klauseln es noch gab, weiß die Öffentlichkeit jedoch höchstens in Bruchstücken. So schrieb der „kicker“ von einer Ausstiegsklausel bei Hornby für die Bundesliga in Höhe von 3,5 Millionen Euro. Weil Wolfsburg jedoch abstieg und sich Hornby bereits auf den Verein festgelegt haben soll, sei neu verhandelt worden und die Lilien hätten letztlich noch rund eine halbe Million mehr bekommen.
Ob es bei Lidberg Klauseln gab, die eine Ablösesumme begrenzten, ist nicht bekannt. Ohnehin enthalten Ablösesummen meist mehr oder weniger variable Bestandteile wie Einsatz-, Tor- oder andere Erfolgsprämien, die an das Abschneiden des neuen Vereins geknüpft sind. Auch bei Lidberg soll es solche Klauseln geben, die den Lilien dem Vernehmen nach noch bis zu eine Million Euro Mehreinnahmen bescheren könnten. Insofern steht bei vielen Wechseln zunächst nicht fest, wie viel Geld tatsächlich fließt.
3. Vita und Vertragslaufzeit
Hornby und Lidberg sind mit 26 beziehungsweise 27 Jahren im mutmaßlich besten Fußballeralter. Allerdings sind sie auch keine jungen Talente mehr, die womöglich noch ein riesiges Entwicklungspotenzial haben. Dass etwa Lidberg noch mal einen großen Sprung nach vorne machen und ein deutlich besserer Fußballer wird, wurde in Darmstadt zumindest bezweifelt. Bei Hornby ist seine Verletzungsanfälligkeit nicht erst seit seiner Zeit bei den Lilien bekannt. Und mit Restlaufzeiten von einem Jahr hatten die Lilien auch nicht unbegrenzt Zeit, auf höhere Angebote zu pokern.
4. Unpassende Vergleiche
Als im Winter Younes Ebnoutalib von der SV Elversberg zu Bundesligist Eintracht Frankfurt wechselte, flossen angeblich rund acht Millionen Euro. Hinzu sollen rund zwei Millionen variable Bestandteile kommen. Allerdings ist nicht klar, ob diese komplett flossen, weil sich der Spieler früh verletzte.
Ebnoutalib hatte zum Zeitpunkt des Wechsels zwölf Zweitliga-Liga-Tore geschossen – nur eines mehr als Lilien-Spieler Lidberg. Aber die Folgerung, dass der Darmstädter Angreifer deswegen annähernd genauso viel wert sei, lässt mehrere Faktoren unberücksichtigt (siehe Punkt 3). Ebnoutalib war zu diesem Zeitpunkt gerade 22 Jahre alt, Lidberg bereits 27, was mit Blick auf das Entwicklungspotenzial ein gehöriger Unterschied ist. Vor allem aber hatte Elversberg seinen Spieler langfristig gebunden, während Lidberg nur noch eineinhalb Jahre Vertrag bei den Lilien hatte.
5. Externe Sicht
Der Lilienblog hat mit zwei Spielerberatern gesprochen, die sich auch im Umfeld des SV Darmstadt 98 bewegen. Beide halten die Ablösesummen für Hornby und Lidberg für angemessen. Einer der Berater wies zudem auf die Laufzeit der Verträge hin. Bei Vertragsende sei die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch sei, dass die neuen Vereine für beide Spieler, die dann um die 30 sind, nochmals höhere Ablösesummen als jetzt erzielten.
Betrachtet man die beiden Spieler Spieler als Invest, so ist die Wertsteigerung aus Lilien-Sicht beachtlich. Bei Lidberg betrug sie in zwei Jahren fast 300 Prozent (knapp eine Million Ablöse hat Darmstadt bezahlt, mindestens 3,5 Millionen Euro erhalten, zuzüglich der möglichen erfolgsabhängigen Nachzahlungen). Zugespitzt: Wäre Paul Fernie Fondsmanager, sollte man ihm bei solchen Renditen sein Geld anvertrauen.
Auch bei Hornby ist die Rendite beachtlich und liegt wahrscheinlich in einem ähnlichen Bereich als bei Lidberg – wenn auch über den Zeitraum von drei Jahren. Bei transfermarkt.de wird zwar eine Ablösesumme von 1,8 Millionen Euro genannt, die Darmstadt 2023 an Stade Reims bezahlt haben soll. Nach Lilienblog-Informationen aus damals in die Verhandlungen involvierten Kreisen lag sie jedoch deutlich niedriger (womit wir wieder bei Punkt 1 sind).
(korrigierte Version, Prozentzahl bei Lidberg geändert)
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Bildquellen
- f95-SVD-2025-26-blog-0061b: Arthur Schönbein

