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Große Kluft: Warum die Lilien kaum Talente hervorbringen

SV Darmstadt 98, Top-Talente-Team, NLZ

SV Darmstadt 98, Top-Talente-Team, NLZ



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Der beeindruckende Schlussspurt der U21 war zuletzt einer der wenigen Lichtblicke im Nachwuchsbereich des SV Darmstadt 98. Mit fünf Siegen am Stück und einem Torverhältnis von 22:7 gelang den Junglilien doch noch der Klassenerhalt in der fünftklassigen Hessenliga. Damit verhinderten sie das Worst-Case-Szenario für die erst im Sommer 2024 als „Top-Talente-Team“ an den Start gegangene 2. Mannschaft. Doch insgesamt sieht es im Nachwuchsbereich des SV Darmstadt 98 eher düster aus.

Die U19 belegte in der Liga B der DFB-Nachwuchsliga den sechsten von sieben Plätzen der Gruppe F. Dabei lag sie hinter den Teams vom MSV Duisburg, Viktoria Köln, Fortuna Köln, RW Oberhausen und FSV Frankfurt – alles Vereine, deren erste Mannschaften teils mehrere Ligen unter den Lilien spielen.

Nur unwesentlich besser sieht es bei der U17 aus. Auch hier konnte man sich in der Vorrunde nicht für die Liga A qualifizieren und belegte in der „Trostrunde“ Rang vier. Und auch hier lagen mit Jahn Regensburg, TSV 1860 München und FC Ingolstadt 05 drei Vereine vor den Lilien, deren Senioren unterhalb von Zweitligist Darmstadt spielten.

Container und zwei Kunstrasenplätze

Wer wissen will, warum sich die Lilien mit dem Nachwuchs so schwer tun, findet an der Kastanienallee eine Antwort. Dort – am Rande einer Bahntrasse und mit der Silhouette der Hochhausburgen von Kranichstein im Hintergrund – befindet sich das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SV Darmstadt 98.

Die Jugendmannschaften des Vereins teilen sich dort zwei Kunstrasenplätze. Die bisherigen Container werden gerade durch ein neues Funktionsgebäude in Modulbauweise ersetzt, das Platz für sieben Kabinen, Duschräume, Sanitäranlagen und Technik sowie Verwaltungs-, Büro- und Besprechungsräume für die Mitarbeiter des NLZs bieten soll.

„Selbstkritisch müssen wir sagen, dass das NLZ über die vergangenen Jahre ein wenig im Dornröschenschlaf lag“, räumte Präsident Markus Pfitzner kürzlich im großen Lilienblog-Interview ein. Neben dem Umbau wolle man weitere Platzkapazitäten schaffen. „Wir müssen dort effizient wirtschaften, aber zugleich Bedingungen schaffen, die eines NLZ würdig sind. Aber unser Commitment zum NLZ ist da.“

„Werden es auch mit dem doppelten oder dreifachen Investment nicht schaffen“

Der jetzige Ausbau – schätzungsweise immerhin rund zwei Millionen Euro teuer – mutet jedoch im Vergleich zur Konkurrenz mehr als bescheiden an. Wer einmal die Trainingsbedingungen der Nachwuchsteams bei den Nachbarn im näheren Umkreis wie Frankfurt, Mainz oder Hoffenheim gesehen hat, wird verstehen, dass man andere Argumente als die Räumlichkeiten des NLZ braucht, um einen talentierten Nachwuchsspieler davon zu überzeugen, zu den Lilien zu wechseln oder dort zu bleiben.

„Wir werden es wahrscheinlich auch mit einem doppelten oder dreifachen Investment nicht schaffen, dass ein 17-Jähriger, der ein Angebot von Frankfurt oder Mainz hat, bei uns bleibt“, räumte Pfitzner ein. Um talentierte Spieler zu gewinnen, müsse man Dinge wie die Betreuung, die Ausbildung und die familiäre Atmosphäre im Klub noch stärker ausstrahlen. „Unser Mehrwert liegt in diesem speziellen Spirit.“

Wie die Personalie Riedel möglicherweise die Sicht verklärt

Wenn es um die Erfolge der Jugendarbeit in den vergangenen Jahren geht, fällt immer wieder der Name Clemens Riedel, der sich als einziger Spieler in den vergangenen zehn Jahren aus dem Lilien-Nachwuchs bei den Profis etablieren konnte und der im vergangenen Sommer für rund zwei Millionen Euro zu Espanyol Barcelona verkauft wurde.

Doch auch wenn Riedel in der U17 und U19 bei den Lilien spielte, seine fußballerische Grundausbildung hatte er bei Eintracht Frankfurt erhalten. Von dort war er zunächst wieder zurück in seine Heimat Wieseck gewechselt, ehe er den Sprung nach Darmstadt machte.

Und bei Riedel spielte auch eine Rolle, dass er zu den Profis stieß und dort debütierte, als dort im Sommer 2021 wegen Corona zahlreiche Spieler ausfielen und der damalige Trainer Torsten Lieberknecht ihn ins kalte Wasser warf. Auch wenn Lieberknecht gerne junge Spieler Profiluft schnuppern ließ – Riedel war auch sein einziger Volltreffer.

Großer Abstand zwischen Profis und Nachwuchs

Philipp Sonn, John Peter Sesay, Ensar Arslan oder Asaf Arania sind dagegen wieder in den Niederungen des Fußballs verschwunden. Und ob Othmane El Idrissi nach einem durchwachsenen Viertliga-Jahr in Aschaffenburg als Leihspieler nun wirklich eine Chance bei den Lilien-Profis bekommt, ist zumindest fraglich.

Tatsache ist, dass die Kluft zwischen Nachwuchs und Profis in Darmstadt derzeit extrem groß ist. Und dass Trainer Florian Kohfeldt keine Geschenke an seine Spieler verteilt – auch nicht, wenn sie aus dem eigenen Nachwuchs kommen. Er setze diese erst ein, wenn er davon überzeugt sei, dass sie der Mannschaft wirklich weiterhelfen können, betont er immer wieder.

Wie hoch die Messlatte liegt, merkt man, wenn der Lilien-Coach Beispiele nennt, welche Nachwuchsspieler er nach oben gebracht hat: Maximilian Eggestein, heute SC Freiburg, holte er einst in Bremen aus der U23 zu den Profis und machte ihn zum Stammspieler. WM-Fahrer Nick Woltemade wurde unter ihm sogar zu Werders jüngstem Debütanten der Vereinsgeschichte.

Auch wenn Überraschungen natürlich nicht komplett ausgeschlossen sind: Für die gerade in Darmstadt mit Profiverträgen ausgestatteten Manolo Merx und Milan Herbst wird das – nicht nur im Vergleich mit solch großen Namen – auf jeden Fall ein riesiger Schritt.

Bildquellen

  • NLZ: Stephan Köhnlein
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