Auch Ruven ist ein guter Gastgeber. Im Kühlschrank liegen Wasser und Apfelschorle, Bier hat er für alle Fälle sogar selbst von zu Hause mitgebracht. Es soll den Gästen an nichts fehlen. Draußen liegen die Temperaturen weit über 30 Grad, aber in Ruvens Sprecherkabine unter den Bäumen am Rand des Platzes des VfR Fehlheim kann man es gut aushalten. Die beiden schreibenden Journalisten sitzen am Tisch, auf dem auch die Tonanlage für Ruvens Durchsagen steht. Der Vertreter des Lilien-Fanradios kommentiert wegen der Sicht 90 Minuten im Stehen. Mit der Sicht auf das Feld ist es tatsächlich nicht immer einfach. Aber man hilft sich gegenseitig. Manches ist ein wenig improvisiert. Aber alles mit viel Herzblut.
Winterkasten, Arheilgen, Fehlheim – der SV Darmstadt 98 hat die ersten Termine der Saison-Vorbereitung bei kleinen Vereinen abgehalten. Natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn die Zuschauer dort sind entweder schon Lilien-Fans, die man noch enger binden möchte – oder sie könnten es werden, wenn sich der Zweitligist sympathisch präsentiert. Man gehe in die Region, um die Menschen abzuholen, sagte Präsident Markus Pfitzner beim Trainingsauftakt in Winterkasten. Er und Geschäftsführer Martin Kowalewski zeigten sich begeistert von der Gastfreundschaft vor Ort, den sportlichen Bedingungen und dem Engagement der Vereine.
Ehrenamtliches Engagement beeindruckt
Aber auch sonst ist ein Besuch der kleinen Sportplätze im Umland von Darmstadt eine Reise wert. Winterkasten beispielsweise befindet sich im tiefsten Odenwald. Der Sportplatz liegt idyllisch am Wald, gleich neben dem Friedhof. Und während sich die Temperaturen in der Wissenschaftsstadt an diesem Tag um die 40-Grad-Marke bewegten, war es in Winterkasten – der Name ist Programm – rund fünf Grad kühler. Ein Plausch nach Abpfiff mit Fans auf dem Platz, Autogramme schreiben oder für Selfies mit Alt und Jung posieren – die Lilien haben sich bei den drei Terminen sehr nahbar gezeigt. Aber das war auch Sinn der Sache.
Was viel mehr beeindruckt, ist jedoch das Engagement der vielen Ehrenamtlichen bei den gastgebenden Vereinen. In Fehlheim, einem Stadtteil von Bensheim, musste der Rasen in den zwei Wochen vor dem Spiel täglich zweimal bewässert werden, damit er beim Besuch des Zweitligisten in optimalem Zustand ist. Und das Dach des kleinen Funktionspavillons am Eingang des Sportplatzes wurde erst wenige Tage vor dem Spiel fertiggestellt – beides natürlich unter tatkräftiger Mithilfe der Vereinsmitglieder.
Schon der große Guardiola sagte…
Am kommenden Dienstag bestreiten die Lilien ihr drittes Vorbereitungsspiel gegen Viertligist FC Homburg. Die Partie findet dann am Böllenfalltor statt. Die Getränke im Kühlschrank des Presseraums kommen von den Sponsoren, den Rasen pflegt ein professionelles Gartenbauunternehmen, und das Stadion wurde in den vergangenen Jahren für einen zweistelligen Millionenbetrag runderneuert. Aber auch der SV Darmstadt 98 profitiert als Profiverein bei den Abläufen an einem Spieltag von zahlreichen Ehrenamtlichen. Und noch ein Fun Fact: In Fehlheim hatten die beiden Journalisten sogar mehr Platz zum Arbeiten als an den kleinen Klapppulten im Merck-Stadion.
Es ist viel passiert am Böllenfalltor, wo es vor ein paar Jahren noch ganz anders aussah. Das marode Stadion war damals in einigen Bereichen näher an Fehlheim als an der Allianz-Arena. 2015 gastierte der große FC Bayern München am alten Böllenfalltor. Ein Journalist wollte vom damaligen Bayern-Coach Pep Guardiola wissen, ob es nicht komisch gewesen sei, in so einem Stadion spielen zu müssen. „Ich habe zehn Jahre lang in solchen Stadien gespielt“, antwortete Guardiola. „Das hier ist Fußball. Der Platz ist Fußball, die Kabine ist Fußball.“ Und genau das gilt auch elf Jahre später noch, wenn man nach Winterkasten, Arheilgen oder Fehlheim fährt.
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