Der Zeitpunkt kam überraschend, die Entscheidung an sich hatte sich jedoch angedeutet: Nach sechs Jahren mit vielen Erfolgen gehen Aytac Sulu und der SV Darmstadt ab sofort getrennte Wege. Das gab der Verein am Freitag kurz vor der Abreise ins Trainingslager bekannt. Der 33-Jährige habe um eine schnelle Trennung gebeten, damit er sich noch einmal eine neue sportliche Herausforderung suchen könne. Wohin er wechselt, war zunächst nicht bekannt. Sulus Vertrag wäre ohnehin zum Saisonende ausgelaufen.

Nach der 2:6-Pleite beim SC Paderborn am Tag vor Heiligabend hatte die Lilien-Führung noch lange zusammengesessen und diskutiert. Klar war: Es musste etwas passieren, um nicht in den Abstiegssog zu geraten. Dabei sollte Trainer Dirk Schuster auch keine Rücksicht auf verdiente Spieler nehmen – eine Vorgabe, die dem Coach schwerfiel. Schließlich arbeitet er ausgesprochen gerne mit Spielern zusammen, die er schon kennt. Und hält auch an ihnen fest, wenn es nicht gut läuft.

Chef der drittschwächsten Abwehr der Liga

Doch bei Sulu zeichnete sich ab, dass es sich nicht um eine vorübergehende Schwächephase handelte, sondern dass die Probleme des 33-Jährigen in der Innenverteidigung zunehmend seinem Alter geschuldet waren. Auch zu besten Zeiten war Sulu nie einer der Schnellsten gewesen, hatte das aber mit gutem Auge und Timing wettgemacht. Doch zuletzt wurden seine Geschwindigkeitsdefizite immer offensichtlicher. Die Folge: Die Defensive um den Abwehrchef, lange Prunkstück der Lilien, ist in dieser Spielzeit die drittschwächste der Liga.

Dass sich die Wege Sulus und der Lilien schon in der Winterpause trennen würden, war nicht unbedingt absehbar. Ablauf und Zeitpunkt ermöglichen jedoch beiden Seiten eine Trennung mit erhobenem Haupt. Eine Verbannung des dienstältesten Lilien-Spielers aus der Startelf oder sogar aus dem Kader in der Rückrunde wäre einer Demontage gleichgekommen. Zudem wäre sie ein potenzieller Unruheherd gewesen.

Aytac Sulu. SV Darmstadt 98

Sulu im Johnny-Gedächtnistrikot nach seinem Tor beim 2:1 über Mainz am 11.03.2017

Die Verdienste Sulus für die Lilien sind groß. Der in Heidelberg geborene Deutsch-Türke kam im Winter 2013 vom damaligen österreichischen Zweitligisten SCR Altach ans Böllenfalltor. Zu diesem Zeitpunkt waren die Lilien Schlusslicht der 3. Liga. Sein Name ist eng mit der anschließenden Erfolgsgeschichte des Vereins verknüpft, die bis in die Bundesliga führte. Auch nach dem Bundesliga-Abstieg 2017 hielt er dem Verein die Treue und trug noch in der vergangenen Rückrunde zum Klassenerhalt in der Zweiten Liga bei.

Genug Innenverteidiger – aber wer wird der neue Leader?

In der Innenverteidigung sind die Lilien auch ohne Sulu ordentlich aufgestellt. Marcel Franke ist gesetzt, Immanuel Höhn spielte zuletzt zwar durchwachsen, hat aber auf jeden Fall Zweitliga-Potenzial auf dieser Position. Dazu kommen Wilson Kamavuaka und Tim Rieder, die dort ebenfalls eingesetzt werden können. Seit dieser Woche haben die Lilien mit der Verpflichtung des Isländers Victor Pálsson eine weitere Option für diese Position, obwohl dieser eher im defensiven Mittelfeld spielt.

Fraglich ist jetzt vor allem, wer Sulu als Kopf und Antreiber ersetzt. Ist Pálsson, der sich bei seiner Vorstellung selbstbewusst als Leader bezeichnet hat, schon so weit? In der bestehenden Mannschaft hatte sich zuletzt jedenfalls keiner der Akteure mit besonderen Führungsqualitäten ausgezeichnet. Aber vielleicht ist nach dem Abgang von Platzhirsch Sulu auch hier Raum, sich zu profilieren und Verantwortung zu übernehmen.

Der Abschied: Verletzung im Laufduell

Seinen letzten Auftritt für die Lilien hatte Sulu am Dienstag beim Testspiel gegen Drittligist SV Wehen Wiesbaden. Allerdings musste er früh vom Platz. Wadenprobleme, eine reine Vorsichtsmaßnahme, hieß es vom Verein. Die Verletzung hatte sich Sulu bezeichnenderweise in einem Laufduell zugezogen.

Ohne Sulu geriet die Mannschaft kurz vor der Pause in Rückstand. Ohne Sulu drehte sie jedoch auch im zweiten Durchgang die Partie und gewann mit 2:1.

 

 

 

Bildquellen

  • Sulu-abschied: Arthur Schönbein
  • D98-FCU-010: Arthur Schönbein
Stephan Köhnlein

Stephan Köhnlein

Wahl-Heiner seit 1998, Text-Journalist für diverse Medien

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