Die letzten Wochen hat Lilien-Mannschaftsarzt Dr. Michael Weingart viel zu Hause verbracht. Und auch zu seinem 69. Geburtstag am Mittwochwird es keine große Feier geben – mit Rücksicht auf die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Krise. Obwohl Weingart vom Alter zu den Personen mit erhöhtem Risiko zählt, hat er keine Angst vor einer Ansteckung – auch weil er sich an die Schutzvorschriften hält. Das Gespräch mit dem Lilienblog führten wir zwar von Angesicht zu Angesicht – allerdings auf seiner Terrasse mit ausreichendem Sicherheitsabstand und Mundschutz. Seit 1982 ist der gebürtige Saarländer Mannschaftsarzt der Lilien – entsprechend viel hat er zu erzählen.

Zwei Relegationen

Prägend war für mich die Relegation 1988. Da lagen wir 0:2 hinten, brauchten unbedingt ein Tor für ein weiteres Spiel. Die Spieler saßen mit hängenden Köpfen auf dem Boden, wir haben sie aufgemuntert. Und in der 88. Minute hat Uwe Kuhl tatsächlich noch getroffen. Das Entscheidungsspiel haben wir dann verloren – und sehr gelitten, weil wir das Gefühl hatten, dass wir besser waren. Das Wunder von Bielefeld kam für mich eher unerwartet. Und da musste ich krank zu Hause bleiben. Das Spiel habe ich nur am Fernseher erlebt.

Der vermeintlich krönende Abschluss

Das erste Auswärtsspiel in der Bundesliga gegen Schalke war auch etwas Besonderes. Da sind wir hingefahren und haben gedacht: Hoffentlich wird das nicht zweistellig. Und dann spielen wir unentschieden. Da haben wir gesehen, dass wir in der Bundesliga mithalten können. Der Klassenerhalt in Berlin im Frühjahr 2016 war ein wunderbarer Abschluss. Ich wusste: Das kann man nicht mehr toppen. Also habe ich mir gedacht, ich übergebe einen Bundesliga-Verein und ziehe mich als Mannschaftsarzt zurück.

Die Rückkehr

Es war ein Freitag vor Weihnachten 2017, da rief der Dirk Schuster an und fragte: „Was machst Du am 2. März? Wir haben ein Spiel in Dresden. Da bist Du gebucht.“ Der amtierende Mannschaftsarzt war verhindert und hatte die Trainer schon vor dem Spiel unterrichtet, dass ihm die Arbeit zu viel werde und er seine Tätigkeit aus Zeitgründen beenden wolle. So war ich wieder dabei. Ich bin nach Dresden gefahren, und wir haben gewonnen. „Du kannst jetzt nicht mehr weggehen“, hat Schuster danach gesagt. Einer seiner Lieblingssprüche war: Der Dank ist die verstärkte Form der Bitte.

Dirk Schuster

Wir hatten ein sehr großes Vertrauen. Er hat mir nicht reingeredet, ich habe ihm natürlich auch nicht reingeredet. Jeder musste seine Verantwortung tragen. Schuster hat immer gesagt: „Doci, wenn Du das meinst, dann machen wir das so.“  Er hatte einen Plan – und diesen Plan hat er auch nicht geändert. Das war sein Stil, mit dem er lange erfolgreich war.

Arbeitsteilung und Heimspiele

Meine Mannschaftsarztkollegen – Ingo Schwinnen und Philip Jessen – machen mittlerweile die meiste Arbeit, gerade in der Praxis und bei Heimspielen. Ich darf dann die dankbaren Spiele machen, Mittwochabend um 20.30 Uhr in Kiel und Montagabend 20.30 Uhr in Hannover (lacht). Aber das macht mir nichts aus, weil ich die Zeit habe. Meine Kinder sind aus dem Haus, meine Frau ist auch fußballbegeistert. Bei den Heimspielen bin ich heute etwas zurückhaltender. Meine Knie sind ganz schlecht geworden. Da fällt das schnelle Laufen immer schwerer. Und es sieht ziemlich blöd aus, wenn man erst vier Meter nach dem Physio beim verletzten Spieler ankommt. Am Anfang habe ich noch zum Physio gesagt: „Wenn Du zu schnell rennst, stelle ich Dir ein Bein!“ Aber das muss ich mir jetzt nicht mehr antun.

MIchael Weingart, SV Darmstadt 98

Der Mann mit der Mütze – Michael Weingart, SV Darmstadt 98

Abstehende Knochen und zertrümmerte Gesichter

Die schlimmste Verletzung war der Schien- und Wadenbeinbruch von Christian Wiesner im April 2008 im Hessenligaspiel gegen Schwalmstadt. Der Unterschenkel stand 40 Grad zur Seite. Und dann war da natürlich Aytac Sulu, vierfacher Knochenbruch im Gesicht in Ingolstadt. Ich war mit ihm in der Klinik. Er hatte keine neurologischen Ausfälle, wollte nicht in Ingolstadt bleiben. Der Mannschaftsbus war aber schon weg. Also haben meine Frau und ich ihn in unser Cabrio gepackt. Sie am Steuer, Aytac auf dem zurückgelegten Beifahrersitz, und ich auf der Rückbank mit der Infusion in der Hand. So haben wir ihn nach Hause nach Heidelberg gefahren. Es gibt diese Typen. Jérôme Gondorf war auch so. Der hatte sich im Spiel gegen Düsseldorf das Innenband angerissen. Das ging eigentlich nicht mehr. Aber er wollte unbedingt weitermachen. Also haben wir das Knie betäubt und getapet, und er hat die zweite Halbzeit durchgespielt. Oder unser Torwart Christian Mathenia in Berlin mit seiner gebrochenen Hand. Er wollte unbedingt weiterspielen und den Triumph erleben. Das einzige, was ich machen konnte, war, die Hand so zu betäuben, dass er zwei Stunden keine Schmerzen hatte. Danach hat Torwarttrainer Dimo Wache zu Chris gesagt: „Jetzt bist Du zum Mann geworden!“

Keine Gedanken ans Hinschmeißen?

Eigentlich nicht. Auch in der schlechten Zeit habe ich fast alle Auswärtsspiele gemacht, war in Flieden oder Fernwald. So haben meine Frau und ich Hessen gut kennengelernt. Ich stand ja nie auf der Gehaltsliste des Vereins und hatte immer die Freiheit, es sein zu lassen. Ich denke, je mehr meine Mannschaftsarztkollegen Zeit aufbringen können, desto mehr ziehe ich mich zurück. Ich kann ja noch Vertretungen machen. Ein hartes Datum für das Ende gibt es nicht. Vielleicht hat ja auch der Verein andere Ideen. Oder der Trainer. Man darf nicht an solchen Dingen hängen. Es macht mir auch Spaß, einfach nur zuzusehen. Meine Frau und ich haben ja auch unsere Dauerkarten. Und wir hoffen, dass wir noch viel schönen Fußball hier im Darmstadt sehen.

Geburtstag und ein positives Fazit

Ich bin seit 46 Jahren mit meiner Frau zusammen – das war und ist harmonisch. Wir haben vier Kinder und bald das siebte Enkelkind. Die Kinder, die hier in der Gegend wohnen, haben gesagt, sie kommen am Geburtstag an den Zaun und reichen was hinüber. Eine große Feier gibt es nicht. Vielleicht nächstes Jahr. Es ist schön, wenn man auf die 70 zugeht, und sagen kann: Eigentlich ist bisher alles super gelaufen – mit der Familie, der Gesundheit, dem Beruf und auch im Fußball. Die ärztliche Betreuung dieser Mannschaft bis in die Bundesliga, all die Erlebnisse auch mit Johnny Heimes, das war etwas Einmaliges. Ich bin zufrieden.

Bildquellen

  • D98-X-006: Arthur Schönbein
  • Weingart-Michael: Arthur Schönbein

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