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Ein fester Programmpunkt rund um jeden Spieltag: die Pressekonferenz vor dem Spiel. Tüftelige Taktiküberlegungen auf offener Bühne? Heiße Hinweise zur Aufstellung? Tiefe Einblicke ins Trainer-Hirn? Wer’s glaubt! Lilienblog-Autor Martin Hohmann jedenfalls nicht. Und deshalb kommt er in seiner Glosse „Böllen. Fallen. Tore.“ zu einem eindeutigen Fazit.

Diese PK von Florian Kohfeldt vor dem Auswärtsspiel der Lilien gegen Bielefeld geht mir nicht aus dem Kopf. Und der anwesenden „Journaille“ (O-Ton Kohfeldt) auch nicht.

Journalist A: Herr Kohfeldt, wie gehen sie und die Mannschaft ins Spiel gegen Bielefeld?

FK: Völlig entspannt. No big Deal.

Journalist A: Wie bitte? Mit diesem Spiel beginnt endgültig die heiße Schlussphase der Saison!

FK: Was heißt „heiß“? Es sind noch sieben Spiele und das gegen Arminia wird eines der einfachsten.

Journalist B: Ist Bielefeld nicht ein Stück weit Angstgegner?

FK: Dass ich nicht lache. Habt ihr mal auf die Tabelle geschaut? Die lügt nicht. Bielefeld ist 15. Die haben in den letzten sechs Spielen nur einen Sieg eingefahren, die Luschen. Warum sollten die ausgerechnet gegen uns besser spielen?

Journalist C: Okay, was macht sie so sicher? Mit welcher Taktik wollen Sie rangehen?

FK: Das werde ich euch Sportsfreunden hier mit Sicherheit nicht auf die Nase binden.

Journalist B: Naja, zumindest steht ja seit ein paar Wochen die Frage im Raum, ob wir mit Dreier- oder Vierer-Kette erfolgreicher spielen.

FK: Okay, jetzt verrat‘ ich euch mal was: Das ist mir völlig lulle. Weil aufm Platz ergibt sich sowieso immer wieder was anderes. Das würfeln wir immer erst kurz vor dem Spiel aus. (grinst)

Journalist A: Alles klar, wir haben verstanden. Nix Handfestes zum Spiel.

FK: So isses! Prinzipiell machen wir es wie immer: Ich sag den Jungs `Geht raus und habt Spaß´.“ Wenn ich dann in der ersten Halbzeit auch Spaß habe, ist alles toppi. Wenn nicht, gibt’s in der Pause ’nen kleinen Anschiss und dann läufts meist ja auch in der zweiten Halbzeit besser. Wie gesagt: ganz entspannt.

Journalist vom Spiegel (ironisch): Herr Kohfeldt, wir danken ihnen für dieses Gespräch.

FK (mit großer Geste): Immer wieder gerne.

Tja, und dann klingelte mein Wecker, ich wachte auf und aus der Traum. Wäre ja auch zu schön gewesen. Eine Vor-Spiel-PK mit Nachrichtenwert. Oder zumindest mit Unterhaltungswert.

Im Ritus erstarrt

Stattdessen sind diese PKs zwei Tage vor einem Spiel eine sehr freudlose Angelegenheit und folgen dem ewig gleichen Ablaufplan:

  1. Begrüßung der Anwesenden (Kohfeldt betritt den Presseraum, alle stehen auf: „Guten Morgen Medien“ – „Guten Morgen Herr Kohfeldt“, alle setzen sich)
  2. Vortrag des Krankenstandes
  3. Respektvolle Einordnung des Gegners (oberes Tabellendrittel: „Steht völlig zurecht dort, wo er steht“, unteres Tabellendrittel: „Steht ganz zu Unrecht dort, wo er steht“, Tabellenmitte: „ist schwer einzuordnen“, „hat sich beeindruckend verstärkt“, bei Heimspiel: „zählen voll auf den Support hier in unserem Wohnzimmer“, bei Auswärtsfahrt: „immer eine besondere Kulisse“)
  4. Rückblick auf das Training an den vergangenen Tagen („sehr intensiv“, „hochmotiviert“, „variable Spielformen“)
  5. Fazit („Jungs sind heiß“, „wollen unser Spiel machen“, „etwas Zählbares mitnehmen“)

Die Journalisten versuchen mit spitzfindigen und hinterfotzigen Fragen doch noch irgendeine Aussage abseits dieser Norm rauszukitzeln und wenn der Trainer ein Medienprofi ist, hat er sich so eine Aussage auch zurecht gelegt. Dann sind alle zufrieden, die Medien haben ihre Headline und der Coach hat seine Ruhe.

Die KI übernimmt

Mal im Ernst: Diese Vor-Spiel-Infos könnte der Verein genauso gut per Pressemitteilung verschicken. Böse Zungen munkeln übrigens, dass die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihre Meldungen zu den jeweiligen PKs schon seit letzter Saison von einer KI schreiben lässt – und bisher hat’s noch niemand gemerkt. Noch bösere Zungen behaupten, dass viele Vereine die Statements, die auf den PKs abgegeben werden, ebenfalls von KI schreiben lassen – und auch das hat noch niemand gemerkt.

Aber was soll man machen? Diese PKs sind für die Vereine verpflichtend und müssen abgehalten werden. Und das nur, damit über die ganze Woche hinweg schön gleichmäßig „News“ rund um die Liga produziert werden können. Wenn’s denn News wären.

Man könnte den ganzen Spökes auch ganz einfach abschaffen. Das wäre informativ, kein Verlust für niemanden. Stattdessen gewonnene Lebenszeit für alle Beteiligten: Trainingszeit, Tüftelzeit, Schreibzeit, Lesezeit, Freizeit …

Mehr Kreativität bitte!

Aber wie schon gesagt: Abschaffen geht nicht wegen vertraglicher Verpflichtung. Was also tun, um die Vorspiel-Berichterstattung wieder zu beleben, wieder spannend und unterhaltsam zu machen? Dazu folgende Vorschläge:

Option A: Football Fiction

Alle Journalisten haben eine Meinung zur jeweils aktuellen Situation des Vereins, zur Mannschaftsform, zur Spielweise etc. Und diese Meinungen sind ganz bestimmt nicht alle gleich. Deshalb: Möge ein jeder schreiben, wie die Vorspiel-PK in seiner Phantasie hätte ablaufen KÖNNEN. Ausgedachte Antworten auf ausgedachte Fragen, überraschende Pointen, Aufstellungen und taktische Varianten, mutige Prognosen. Alles ganz klar als Phantasie des Autors gekennzeichnet. Das wäre doch sehr unterhaltsam und würde sogar dazu führen, dass unsereins als Leser oder Zuschauer sich gleich mehrere Beiträge reinpfeifen würde, um verschiedene Perspektiven kennenzulernen – statt auf allen Kanälen das Gleiche zu lesen, zu hören und zu sehen.

Option B: Verarsche mit einer Prise Wahrheit.

Da ohnehin alle wissen, dass der Coach weder seine Karten auf den Tisch legen, noch sich mit irgendwelchen Aussagen zu weit aus dem Fenster lehnen will, erwartet auch niemand eine wirklich ernst zu nehmende Aussage. Warum dann aber nicht in die Vollen gehen? Der Trainer phantasiert seinerseits ein buntes Potpourri zusammen, lügt das Blaue vom Himmel runter und erzählt was vom Pferd. Einzige Spielregel: DREI wahre Aussagen muss er in allem, was er fabuliert, verstecken. Das wäre spannend! Stimmt das mit der Dreierkette? Oder dass er die linke Außenbahn des Gegners fürchtet? Oder dass er von einem Maulwurf aus des Gegners Lager ganz heikle Interna bekommen hat? Und nach der PK beginnt dann die Kaffeesatz-Leserei. Wieder würde jeder was anderes schreiben und jede Interpretation wäre aufregend.

Option C: Face to Face.

Die zuständigen Journalisten verabreden einen Turnus und es muss jeweils nur einer von ihnen zur PK antreten, der dann die Infos an alle weitergibt. Das wäre nachhaltig und alle anderen hätten zwei Stunden frei. Zusatzeffekt: Die PK bekäme damit den Charakter eines Interviews, eines Zwiegesprächs – und vielleicht würde sich daraus dann ja doch ein kleiner informativer Mehrwert ergeben.

Option D: Abgesprochener Totalboykott.

Alle einigen sich darauf: Wir lassen’s von vornherein bleiben. Gründe siehe oben. Um die Form zu wahren, wird zwar zur PK eingeladen, die Getränkeflaschen werden aufgestellt und das Licht wird angemacht. Aber keiner geht hin. Nur der Pressesprecher lugt mal vorsichtig durch den Türspalt um sicherzugehen, dass kein DFL-Vertreter da ist, der kontrolliert, ob denn alles mit rechten Dingen zugeht. Falls ja, kommt der Coach mal kurz aus seinem Büro und setzt sich aufs Podium.

Herr Streich, übernehmen Sie!

Ok, eine weitere Möglichkeit gäbe es noch, aber die ist schwer umzusetzen: Christian Streich wird von der DFL wieder aktiviert, bekommt ein richtig fettes Honorar und übernimmt dafür ALLE Pregame-PKs von ALLEN Vereinen zu ALLEN Spielen in Liga eins und zwei.

Dann ist der Mann natürlich von Mittwoch bis Freitag voll auf Achse, aber mit einem Helikopter und einem präzise abgestimmten Timing lässt sich das bestimmt machen. Streich würde von den Vereinen ausdrücklich NICHT gebrieft, sondern würde sich jeweils selber die vorherigen Spiele anschauen und sich vor allem mit der sozialen und politischen Situation vor Ort vertraut machen. Und dann würde er einfach seine Meinung dazu referieren: sportlich, politisch, gesamtgesellschaftlich – auf seine eigene, ganz unverwechselbare „Streich-Art“ eben. Dann, und NUR DANN hätte Vor-Spiel-PKs wieder Sinn.

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Bildquellen

  • BoellenFallenTore: DanyelDahlkamp

2 Kommentare

  • Katze vom Bosporus sagt:

    Martin, danke für diese Zeilen, die ich gerade in meiner Pause schmunzelnd gelesen habe.
    War schön. Jetzt geht es mir viel besser 😀😀👍

  • Manfred sagt:

    Danke dir, Martin!

    Vertragliche Bindung ist blöd, aber lügen auch. Boykott wäre angebracht, da im oder sagen wir um den Fußball herum eh viel zu viel Unsinn geschwätzt wird. Denken wir nur an die vielen Fachleute, die vor der Saison schon wissen, wer Meister wird und wer absteigt. Oder diese Lilienfans, die 2025 prognostiziert haben, dass die Lilien sich strecken müssen, um nicht Abstiegskandidat zu sein! etc.

    Also, ich bin für nen Boykott, oder würdest du als Trainer vorher was verraten? Ich nicht! (Deshalb doch das Drumherum-Gerede!)

    Aber vielen Dank für die kreative Glosse! 😆

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