Wenn einem so viel Schlechtes widerfährt, ist das schon eine fette Floskel wert. Lilienblog-Autor Martin Hohmann mag’s nicht mehr hören und antwortet in seiner Glosse „Böllen. Fallen. Tore.“ mit einer anderen Floskel: „Macht euch mal ehrlich!“
Wenn die Lilien in der Rückrunde dieser Saison mal wieder einen Rückstand in ein Unentschieden gedreht hatten, dann war das ein Beleg für … na? … genau: diese geile „Comeback-Mentalität.“ Wenn ihnen dagegen das Gegenteil widerfuhr, dann war das ein „gebrauchter Tag“. Oder wie gegen Fürth war gleich der Fußball an und für sich dran schuld, der so „unfassbar grausam“ sein kann.
Merke: Wenn’s gerade nochmal gut ausgeht, dann ist’s die eigene Qualität oder sogar Mentalität. Wenn’s schlecht ausgeht, waren es höhere Mächte. Wahrscheinlich reden sie dafür jetzt in Fürth von Comeback-Mentalität. Und zwar zu Recht.
Im Großen und Ganzen, nämlich auf die Saison bezogen, ist es in Darmstadt im Moment mit der Comeback-Mentalität leider überhaupt nicht weit her. Jetzt müsste die Mannschaft – und zwar in Bezug auf die Tabelle – diese Comeback-Mentalität auspacken. Aber es ist offensichtlich etwas anderes, ein 0:2 noch zu einem 2:2 zu drehen, als nach dem Abrutschen von Tabellenplatz eins, erst auf drei, dann auf fünf zumindest wieder zurück auf die drei zu klettern.
Mentalität schlägt Qualität
Man kann sich drehen und winden, der Arsch bleibt immer hinten. Will sagen: Das schlechtere Team verliert. Punkt. Da ist es grundsätzlich lulle, ob man „das Spiel dominiert“ hat, den viel besseren xGoal-Wert erzielt oder die meisten Ecken rausgeholt hat. Ganz egal: Wenn der Gegner in den letzten fünf Minuten noch zwei Tore macht, weil er die Schläfrigkeit der eigenen Abwehr oder was auch immer im richtigen Moment auszunutzen weiß, dann ist der Gegner das bessere Team. Weil er wacher ist. Weil er mehr an sich glaubt. Weil er effizienter spielt, weil er den Riecher dafür hat, was geht. Das alte Schuster-Diktum eben: „Mentalität schlägt Qualität“.
Mit jeder anderen Argumentation lügt man sich in die Tasche – und schwächt sich damit selbst. Es gibt keine „gebrauchten Tage“. Es gibt keinen „grausamen Fußball“. Und es gibt auch keine „Saison, die – egal wie sie ausgeht – eine gute gewesen sein wird“. Wer nämlich fast durchgehend auf den Aufstiegsplätzen mitspielt, im letzten Saison-Fünftel dann aber diesen Platz verspielt, der wird diese Saison nicht an den ersten 27 Spielen messen, sondern an den letzten sieben, als alles verspielt wurde, was die längste Zeit möglich war.
Nix mehr zu verlieren
Unbestritten: Die Lilien wurden in ihrem spielerischen Können von Florian Kohfeldt auf eine neue Stufe gehoben. Aber das ist eben „nur“ die besagte Qualität. Und die kommt – wie wir alle jetzt sehen – an ihre Grenzen. Nämlich immer dann, wenn es einer Mannschaft gelingt, konzentriert und kontinuierlich Druck auszuüben. Das geschieht in letzter Zeit immer öfter – weil jede gegnerische Mannschaft mittlerweile weiß, dass sie auf diese Art gegen Darmstadt was reißen kann.
Spätestens jetzt, nach Fürth, muss die Mannschaft ohne Wenn und Aber auf die Mentalitäts-Karte setzen. Auf ihre Qualität darf sie dabei gerne vertrauen. Aber letztlich hilft nur noch eine „Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand“-Mentalität. Und die muss der Coach jetzt fördern. Oder zumindest zulassen – auch wenn sie ihm nicht geheuer sein mag. Noch ’ne Floskel dazu? Gerne: „Geht’s raus und spuits Fußball.“ Werft gerne einen Blick auf die Taktiktafel, aber vergesst nicht: „Wichtig is’ aufm Platz.“
Holt die Bändchen raus!
Wenn die Lilien-Spieler unter Dirk Schuster den Kopf senkten, dann, um einen motivierenden Blick auf ihr „Du musst kämpfen“-Bändchen am Handgelenk zu werfen. Wenn sie den Kopf jetzt hängen lassen, dann … hängt er einfach nur. Und mit ihm die besagte Mentalität. Deshalb: Holt euch vor dem Elversberg-Spiel Marco Sailer in die Kabine, damit er euch von „damals“ erzählt. Und, lieber Florian Kohfeldt, stell bitte Fabi Holland von Minute eins an auf, denn der hat’s auch noch erlebt und verkörpert diese Haltung authentisch.
Selbst, wenn das nix mehr helfen sollte, wird es als ein Aufbäumen in Erinnerung bleiben und wird Stimmung machen. Vor allem wird es uns Fans im Stadion wieder Mut – und stolz machen!
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Bildquellen
- BoellenFallenTore: DanyelDahlkamp




Super, einfach alles auf den Punkt gebracht!
Dankeschön!
Sehr gut geschrieben, danke!
Lieber Martin, das ist weniger eine Glosse als vielmehr eine haarscharfe Analyse dessen, was uns zu einer Spitzenmannschaft momentan fehlt: Cochones! Wir haben nichts mehr zu verlieren! Schreibt uns erst ab, wenn wir unter der Dusche stehen. Auch so ein Schuster-Spruch. Wir sind schon mit weitaus weniger Qualität aufgestiegen. Aber dann hat eben die Mentalität gestimmt. Ob Floko das kann?