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Kohfeldt: Warum er kein Kumpel für seine Spieler ist

Florian Kohfeldt, SV Darmstadt 98 Trainingslager Bad Wörishofen

SV Darmstadt 98 Trainingslager Bad Wörishofen

Apotheke im Hauptbahnhof

Florian Kohfeldt spricht im ersten Teil des großen Lilienblog-Interviews über die Balance zwischen Nähe und Distanz zu seinen Spielern, verrät, wen er von seinen Ex-Spielern als Freund gewonnen hat und erinnert Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann an eine Spielschuld.   

Herr Kohfeldt, Sie haben mal in einem Interview zu Ihrer Zeit in Bremen gesagt: Keiner der Jungs in der Kabine ist ein Kumpel von mir. Das war 2019, da waren sie Mitte 30 und vom Alter noch näher an den Spielern als heute. Hat dieser Satz heute auch noch Bestand?

Unbedingt. Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich ein vertrauensvolles und menschliches enges Verhältnis zu den Spielern habe. Aber ein Kumpelverhältnis kann es nicht sein. Ich muss Entscheidungen treffen, die auf fachlichen Einschätzungen basieren. Spielt der Spieler? Spielt der nicht? Das kann man nicht auf einer Kumpelebene machen, denn meine Kumpels würde ich begünstigen und ihnen helfen, wo es geht.

Wie schafft man die Balance zwischen Nähe und Distanz?

Ich glaube, dass man das klar kommunizieren und mit viel Leben füllen muss. Eine ganz wichtige Zeit sind da die anderthalb Stunden vor dem Training, wenn die Jungs am Stadion eintreffen. Da stehe ich mit ihnen am Dartboard, setzte mich zu ihnen an den Tisch, wir trinken einen Kaffee und quatschen miteinander. Ich will, dass sie merken: Ich bin interessiert daran, wie es dir als Mensch geht! Aber es gibt auch diesen sehr klaren Switch, wenn wir auf den Platz gehen. Dann geht es um fachliche Themen, dann geht es um Dinge, die ich einfordere und bei denen es keine Diskussion geben kann.

Kracht es dann auch manchmal?

Ja, es gab vor einigen Wochen während eines öffentlichen Trainings so eine Situation mit Patric Pfeiffer. Ich spreche sehr viel mit Paddy, auch über Sachen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben und würde sagen, dass wir eine enge persönliche Beziehung haben. Aber auf dem Platz gibt es Grenzen, und die werden nicht überschritten. In solchen Situationen merken die Jungs das auch. Das ist anders als bei einem Co-Trainer, der manchmal eher kumpelhafte Beziehungen zu Spielern hat. Als Cheftrainer ist das nicht sinnvoll für die Sache.

Und wie ist es, wenn man nicht mehr im Verhältnis Trainer-Spieler steht?

Es gibt einige ehemalige Spieler, die zu Kumpeln, wenn nicht sogar zu Freunden geworden sind. Niclas Füllkrug zum Beispiel ist auf jeden Fall ein sehr guter Kumpel, wenn nicht sogar ein Freund. Oliver Hüsing aus Bremen ist einer meiner besten Freunde überhaupt geworden, dazu Theodor Gebre Selassie oder Nick Woltemade. Aber das ist alles nicht während der Trainer-Spieler-Beziehung passiert.

Wie sprechen die Spieler Sie denn an? „Du, Trainer“, „Sie, Trainer“, „Florian“ oder Herr Kohfeldt?

Auf dem Platz eigentlich alle mit „Du, Trainer“. Aber das ist mir nicht so wichtig. Ich habe das nie vorgegeben. Eine der spannendsten Beobachtungen, die ich in dem Kontext hatte, war, als ich Fußballlehrer geworden bin. Bei unserer Abschlussveranstaltung saß ich mit Torsten Frings und unseren Frauen an einem Tisch. Dann kam Jupp Heynckes vorbei und Torsten sagte zu ihm: Guten Abend, Trainer. Später habe ich ihn gefragt: Hey, du hast doch nie unter Heynckes gespielt? Er hat gesagt: Nee, aber ich habe Respekt vor ihm. Das bedeutet für mich das Wort Trainer. Ich finde es schön, dass es im Fußball immer noch so ist.

Haben Sie selbst erlebt, dass Sie mal zu viel Nähe zur Mannschaft hatten?

Ich glaube, dass ich schon jemand bin, der sehr viel Nähe sucht, aber trotzdem auch als junger Trainer schon wusste, wo Distanz ist. Es gibt ein Zitat von Nuri Sahin, der diesen Mix aus Nähe und Distanz hervorgehoben hat. Aber es gab zur gleichen Zeit auch Spieler, die diese Nähe missverstanden haben. Martin Harnik hat zum Beispiel über mich gesagt, dass er irgendwann das Gefühl hatte, dass ich die Nähe zu den Führungsspielern abgebrochen hätte. Das war nie meine Intention. Aber ich habe Entscheidungen getroffen und er hat irgendwann nicht mehr gespielt. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Problem damit hatte, dass ich zu viel Nähe zu Spielern hatte, um nicht mehr Entscheidungen zu treffen. Aber ich hoffe, dass ich besser darin geworden bin, dass die Nähe nicht missverstanden wird.

Es gab ja auch eine teils recht erfolgreiche Trainergeneration, bei der Nähe zu den Spielern total verpönt war. Nehmen wir Branco Zebec oder Ernst Happel. Geht das heute nicht mehr?

Ich würde mir nie anmaßen zu sagen: Das geht nicht mehr. Im Fußball gibt es viele Wege zum Erfolg. Vor allen Dingen zum kurzfristigen Erfolg. Denn das Spiel ist nur bedingt planbar. Man kann Wahrscheinlichkeiten erhöhen, man kann Prozesse in Gang bringen. Aber heißt das, dass du jedes Wochenende gewinnen kannst? Nein! Die Faktoren Glück und Zufall sind immer präsent. Ich glaube aber, dass der Weg, den ich wähle, den wir als Verein wählen, ein Weg zum Erfolg ist. Und es ist aus meiner Sicht auch ein nachhaltiger Weg.

Sie gelten ja als Vertreter einer modernen Trainergeneration. Vom Karriereweg gibt es einige Gemeinsamkeiten mit Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann. Wie eng ist Ihr Verhältnis?

Wir kennen uns gut, weil wir von Anfang an in derselben Agentur waren und dort beide die jungen Trainer waren. Es ist jetzt nicht so, dass wir ständig telefonieren oder schreiben, aber wenn ich ihn jetzt anrufen würde, würde er auf jeden Fall rangehen. Andersrum genauso (lacht). Er schuldet mir übrigens noch einen Südtirol-Urlaub.

Wie kommt’s?

Das war damals in der Saison 2017/18 in Bremen. Hoffenheim hat um die Champions League gekämpft. Wir hatten am 32. Spieltag ein Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Vorher haben wir telefoniert, und er hat gesagt: Wenn wir Dortmund schlagen oder die zumindest nicht gewinnen, dann spendiert er mir einen Urlaub in Südtirol. Wir haben dann unentschieden gespielt.

Redaktionelle Hinweise

Im zweiten Teil des großen Lilienblog-Interviews spricht Florian Kohfeldt über den aktuellen Umbruch beim SV Darmstadt 98, die damit verbundenen Herausforderungen und über den Umgang mit vermeintlich schwierigen Spieler wie Mario Basler oder Max Kruse. Es erscheint am Montag.

Im dritten Teil des großen Lilienblog-Interviews erklärt Florian Kohfeldt, was er vom Satz „Elf Freunde müsst ihr sein“ hält und wieso er zu Frank Baumann und Jörg Schmadtke ein gutes Verhältnis hat, obwohl sie ihn gefeuert haben. Es erscheint am Dienstag. 

Das Interview wurde für den kicker und für den Lilienblog geführt. In voller Länge und frei zugänglich erscheint es nur beim Lilienblog.

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Bildquellen

  • Florian Kohfeldt, SV Darmstadt 98 Trainingslager Bad Wörishofen: Arthur Schönbein
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