Skip to main content

Warum funktionieren flache Hierarchien in einer Fußballmannschaft aus Sicht von Florian Kohfeldt nicht? Der Trainer des SV Darmstadt 98 spricht im dritten und letzten Teil des großen Lilienblog-Interviews über Entscheidungswege auf dem Platz, den Mythos „Elf Freunde müsst ihr sein“ und den respektvollen Umgang mit ehemaligen Arbeitgebern. 

Herr Kohfeldt, sind Hierarchien in einer Mannschaft heute noch wichtig?

Unbedingt. Da bin ich, wenn man so will, sehr oldschool. Ich beschäftige mich privat viel mit Führung und Organisation. Im Grunde führe ich zwei große Gruppen: die Mannschaft und den gesamten Staff, der inzwischen ähnlich groß ist wie die Mannschaft. Da muss man wissen, wie man zu guten Ergebnissen kommt. Bei einer Mannschaft glaube ich nicht an eine flache Hierarchie. Unter Stress – und ein Spiel ist eine Stresssituation – braucht man einen klaren Entscheidungsweg. Wenn Vuko sagt, wir spielen jetzt tiefen Block, dann spielen wir auch tiefen Block. Und dann kann nicht XY sagen, ich habe eine andere Idee, lass uns mal kurz ausdiskutieren, welche die bessere ist. Das funktioniert nicht. Und es muss auch klar sein, wer diese Entscheidung übernimmt, wenn der vorgesehene Spieler nicht da ist. Daran arbeiten wir.

Hat der Satz „Elf Freunde müsst ihr sein“ eigentlich noch Bestand? Oder ist das hoffnungslos nostalgisch und romantisch?

Ich glaube, ich könnte ihn nicht anders formulieren. Ich würde auch nicht sagen, dass er komplett überholt ist. Aber trotzdem würde ich das Wort Freunde streichen. Die Lebenswelten und Strukturen einer Mannschaft haben sich einfach stark verändert. Es ist ein großer Unterschied, ob du wie früher einen 16-Mann-Kader hast oder wie heute fast 30 Spieler mit einer ganz anderen kulturellen Zusammensetzung. In meiner Zeit in der 2. Mannschaft in Bremen war es eine kleine Sensation, wenn mal ein Holländer bei uns war, denn wir waren sonst nur Deutsche.

Und woran erkennt man dann, dass ein Team auch wirklich ein Team ist?

Ich hatte dazu gerade ein spannendes Gespräch mit Fabian Nürnberger. Der meinte, es sei für ihn überhaupt nicht wichtig, jede Woche einen Mannschaftsabend zu machen oder mit allen zu essen gehen. Der entscheidende Faktor für ihn ist, dass – wenn er auf dem Platz das Gefühl hat, falls er den Ball verliert – alle bereit dafür sind, ihm zu helfen, statt genervt den Blick abzuwenden und ihm zu signalisieren: Mein Gott, warum verlierst du den Ball? Das definiert Teams. Nehmen wir Argentinien bei der WM. Sind die alle Freunde? Ganz sicher nicht. Hängen die alle ständig zusammen ab? Glaube ich nicht. Aber die gehen auf den Platz und sind bereit, alles füreinander zu tun. Das ist ein erstrebenswertes Ziel. Wenn man das schafft, ist das ein viel wichtigerer Faktor als zum Beispiel Taktik.

Neben den Beziehungen zu den eigenen Spielern gibt es auch die Ebene Trainer-Vereinsvertreter, wo das Hierarchiegefälle umgekehrt ist. Nehmen wir mal Frank Baumann in Bremen, der lange ihr Förderer und Wegbegleiter war und am Ende ihren Rauswurf mitbeschlossen hat. Welche Auswirkung hat das auf das persönliche Verhältnis?

Für mich keine. Aber ich glaube, da bin ich auch relativ speziell. Doch wenn ich versuche, das bei den Spielern zu trennen, muss ich es auch für mich trennen. Frank Baumann war in Bremen mein größter Vertrauter. Wir haben ganz offen diskutiert bis hin zu: Hat es Sinn, dass ich noch Trainer bin? Ich kann dann doch nicht, weil jemand in der Entscheiderposition eine Entscheidung trifft, sagen: Jetzt mag ich dich als Mensch nicht mehr. Dann wäre alles, was ich vorher dazu gesagt habe, doch unglaubwürdig.

Aber so ein Rauswurf ist doch schwer zu verarbeiten?

Natürlich ist das eine Riesenenttäuschung, eine Bloßstellung, eine Kränkung. Es ist ein Abschneiden von sozialen Kontakten. Von 100 auf 0. Als Trainer guckt jeder auf dich. Und von einem Tag auf den anderen – boom, weg, tschüss. Du kannst noch die Hand geben und dann war’s das. Aber ich habe es trotzdem geschafft, das zu trennen. Mit Baumi bin ich bis heute sehr eng verbunden, aber auch zum Beispiel mit Jörg Schmadtke nach der gemeinsamen Zeit in Wolfsburg. Diese Entscheidungen haben unsere menschlichen Beziehungen nicht verändert. Das finde ich wichtig. 

Und was bedeutet das für das Verhältnis zum Verein?

Ich finde, das gilt auch für das Verhältnis zum Verein. Man wird nirgendwo ein Zitat von mir finden, in dem ich negativ über Werder Bremen spreche. Ich finde, das hat etwas mit Stil zu tun, auch mit Wertschätzung, die man in der Arbeitsbeziehung hatte. Wenn ich irgendwann mal nicht mehr in Darmstadt bin, dann kann ich jetzt schon versprechen, dass ich entweder nur positiv darüber reden werde oder nicht bewerte, was an diesem Standort stattfindet, weil ich nicht mittendrin bin. Niemand wird mich negativ reden hören. Das gehört sich nicht.

Redaktionelle Hinweise

Im ersten Teil des großen Lilienblog-Interviews spricht Florian Kohfeldt über die Balance zwischen Nähe und Distanz zu seinen Spielern, verrät , wen er von seinen Ex-Spielern als Freund gewonnen hat und erinnert Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann an eine Spielschuld (hier geht’s zum Beitrag->).

Im zweiten Teil des großen Lilienblog-Interviews spricht Florian Kohfeldt über den aktuellen Umbruch beim SV Darmstadt 98, die damit verbundenen Herausforderungen und über den Umgang mit vermeintlich schwierigen Spieler wie Mario Basler oder Max Kruse (hier geht’s zum Beitrag ->). 

Das Interview wurde für den kicker und für den Lilienblog geführt. In voller Länge und frei zugänglich erscheint es nur beim Lilienblog.

Euch ist ein Fehler aufgefallen? Dann lasst es uns hier per Mail (->) wissen.

Euch gefällt der Lilienblog? Dann unterstützt unsere Arbeit hier (->) und fördert so die Medienvielfalt in Südhessen und rund um den SV Darmstadt 98.

Bildquellen

  • Florian Kohfeldt, SV Darmstadt 98 Trainingslager Bad Wörishofen: Arthur Schönbein

Ein Kommentar

  • Frank Hofmann sagt:

    Ein wirklich sehr, sehr spannendes und gut geführtes Interview. Man erhält spannende Einblicke hinter die Kulissen was es an aufwand braucxht, um 33 Spieler in die hoffentlich richtige Richtung zu bewegen. Danke.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.