Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch sieht die offene Trainerfrage gelassen, kritisiert die teils „hysterische“ Stimmung in der Hinrunde und erwartet eine baldige Verständigung mit Dimitrios Grammozis und dessen Stab über eine weitere Zusammenarbeit. Zudem blickt Fritsch zurück auf zehn ereignisreiche Lilien-Jahre und verrät, dass sein persönlicher Gänsehaut-Moment nicht das „Wunder von Bielefeld“ war.

Sportliche Bestandsaufnahme

Soweit ich das beurteilen kann, leugnet niemand, dass man die eine oder andere Offensivaktion besser zu Ende spielen kann, dass es dann mehr Torchancen gibt, und dass mehr Torchancen mathematisch die Chance erhöhen, dass der Ball auch mal ins Tor geht. Die Defensivleistung ist dagegen sehr ordentlich. Wenn unser Felix Platte gesund bleibt, ist das für den Sturm definitiv eine Bereicherung. Und Braydon Manu ist ein Spieler, der sehr unorthodox unterwegs ist. Wenn mehr Konkurrenzkampf mehr Konzentration bei den Spielenden auslöst und das Ding dann auch mal reingeht, würde uns das alle freuen. Insofern bin ich optimistisch.

Das Abwarten bei der Vertragsverlängerung mit Grammozis im Kontext mit den schlechten Erfahrungen aus der vorzeitigen Verlängerung mit Torsten Frings

Erstens ist es wahrscheinlich so. Wenn mal jemand mit dem Finger auf die heiße Herdplatte gegriffen hat, guckt er vorher. Aber der zweite Punkt ist, dass das Geschäft von Jahr zu Jahr immer hektischer wird. Bei uns ist eine gewisse Missstimmung gegen das Trainerteam aufgekommen nach nicht einmal zweieinhalb Monaten in der Saison. Man gibt den Leuten überhaupt keine Zeit mehr, irgendetwas zu machen und auch mal ein Tal zu durchschreiten. Wenn es nach unten geht, wird sofort hysterisch und oft auch nicht sachlich argumentiert. Wir sind mit dem Trainerteam definitiv im Austausch. Gehen Sie davon aus, dass wir in einer guten Abstimmung sind und dass das auch keine irre lange Hängepartie wird. Es müssen immer erst ein paar Vertragsmodalitäten besprochen werden. Auch das Trainerteam sagt: „Jetzt haben wir am Mittwoch ein Spiel, am Wochenende gleich das nächste.“ Die möchten sich damit gar nicht belasten. Alles im grünen Bereich, alles gut.

Der Spielplan mit dem Start in die zweite Saisonhälfte am Mittwoch

Wieso das so ist? Da bin ich tatsächlich überfragt. Da müsste man die Gestalter fragen. Die Thematik, dass Spiele unter der Woche bei Fans nicht beliebt sind, ist bei der DFL angekommen, wie ich aus Gremienerfahrung sagen kann. Diplomatisch gesagt: Ich gehe davon aus, dass es dafür einen Grund gibt. Wenn die Englischen Wochen am Anfang sind, haben wir sie weg. Ist auch scheißegal. Wir fahren nach Kiel und versuchen, dort das Beste herauszuholen.

Rüdiger Fritsch, SV Darmstadt 98

Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch beim Neujahrsempfang des Vereins

Darmstadt Fußballstadt

Die letzten zehn Jahre waren sehr intensiv. Schon beim Aufstiegsspiel von der 4. in die 3. Liga hat sich gezeigt, dass die Leute in Darmstadt fußballwillig sind und dass Darmstadt eine Fußballstadt ist. Das war zu Beginn meiner Amtszeit von dem einen oder anderen in Abrede gestellt worden – nach dem Motto: Darmstadt, da interessiert sich doch eh niemand für Fußball. Es hat sich aber gezeigt, dass das eine Folge des jahrzehntelangen Misserfolgs war. Sobald es wieder aufwärts ging, kamen die Lilien-Fans aus allen Ecken gekrabbelt. Dass Darmstadt eine Fußballstadt ist, gibt einem die Kraft, immer weiter zu arbeiten.

Sein persönlicher Gänsehaut-Moment in den vergangenen zehn Jahren

Es ist natürlich immer einfach zu sagen: Bielefeld. Aber das ist mir zu einfach. Ich würde sagen, das war in der Saison, in der wir aus der 3. Liga abgestiegen wären und durch die finanzielle Schieflage Offenbachs am Ende doch drin geblieben sind. Wir sind samstags abgestiegen, hatten danach eine Woche der Trauer. Da gerät bei einem Fußballer die Ernährungsdisziplin oft etwas in den Hintergrund. Und dann haben wir gegen Wehen das Hessenpokal-Finale gespielt, in der es um die Qualifikation für den DFB-Pokal ging. Wehen war voll im Saft, im Gegensatz zu uns – und ich habe gedacht: Wenn das bloß nicht zweistellig wird gegen uns. Und dann haben wir dann in Offenbach vor einer relativ großen Darmstädter Fangemeinde trotz der beschissenen Lage 4:0 gewonnen. Die Fans haben danach skandiert: „Nur ein Jahr, dann sind wir wieder da!“ Das fand ich phänomenal, sensationell. Dann kam natürlich die Kickers-Offenbach-Nummer. Das war am Grünen Tisch, das war unemotional, aber im Ergebnis okay. Danach sind wir gar nicht so gut in die Saison gestartet bis zum Pokalspiel gegen Gladbach, das wir gewonnen haben. Anschließend ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Aber das fing alles beim Hessenpokal-Spiel an. Dass die Jungs sich zusammengerissen haben, die eine Woche vorher abgestiegen waren.

 

Bildquellen

  • IMG_9927: Stephan Köhnlein
  • Fritsch2: Arthur Schönbein

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