Er ist eine der wenigen guten und nachhaltigen Personalentscheidungen aus einer Zeit, in der ein gewisser Holger Fach das Sagen hatte. Obwohl Alexander Lesch wahrscheinlich nie ein Spiel für die Profis des SV Darmstadt 98 bestreiten wird, kommt zunächst kein Spieler an ihm vorbei, wenn er nach Darmstadt geht. Der 46-Jährige ist Mannschaftsarzt bei den Lilien und als Internist unter anderem für die Eingangsuntersuchungen der potenziellen Neuzugänge zuständig. 

„Das sind Ganzkörperuntersuchen, dazu ein Herzultraschall und ein Belastungs-EKG, zudem Befragungen, gerade wenn der Spieler individuelle Befunde oder Besonderheiten hat“, sagt Lesch. „Ich sehe mich da als Filter, denn manches muss dann unter Umständen doch noch mal vom Spezialisten untersucht werden: Aber am Ende ist noch kein Wechsel an der internistischen Untersuchung gescheitert.“

Wer Alexander Lesch zum Weinen brachte

Lesch, der in Roßdorf lebt und dort auch seine Praxis hat, ist den Lilien von Kindheit an verbunden. „Eines meiner ersten Erlebnisse war das Elfmeterschießen in der Relegation gegen Mannheim 1988. Ich hing am Radio und habe gehofft, dass wir in die Bundesliga aufsteigen“, erinnert er sich. Leider vergeblich. Mannheims damaliger Torwart Uwe „Zimbo“ Zimmermann hielt zwei Elfmeter. „Als er dann in Darmstadt Torwarttrainer wurde, habe ich ihm gesagt: ‚Zimbo, Du hast mich schon mal zum Weinen gebracht!’“

Nach dem Studium in Frankfurt arbeitete Lesch mehrere Jahre als Notarzt – auch bei den Spielen der Lilien. Bei der Partie gegen Schalke 04 im Januar 2016 musste er einen Fan reanimieren. „Das war eine merkwürdige Situation. Im Stadion war es ganz still, da hast Du eine Stecknadel fallen hören“, sagt er. „Für mich war das Böllenfalltor vorher immer mit Lautstärke und Freude verbunden gewesen. Als wir den Patienten wegegebracht haben, gab es Applaus.“ Einige Monate später klingelte das Telefon bei Lesch – am anderen Ende war Darmstadts damaliger Sportlicher Leiter Fach.

Wieso Alexander Lesch kein Gutachten über einen Hund schrieb

Seit Sommer 2016 ist Lesch Mannschaftsarzt, hat in dieser Zeit sechs verschiedene Cheftrainer erlebt – von Norbert Meier über Ramon Berndroth, Torsten Frings, Dirk Schuster, Dimitrios Grammozis bis Markus Anfang. Einen persönlichen Favoriten will er nicht nennen, da würde er den anderen unrecht tun. „Es hat mit allen gut funktioniert, auch wenn natürlich jeder seine Besonderheiten hatte. Aber keiner hat mir reingeredet. Wenn ich gesagt habe, der Spieler ist nicht trainingsfähig, dann war das nie ein Thema.“

Zu den Aufgaben des Mannschaftsarztes gehören nicht nur die Eingangsuntersuchungen. Er ist auch sonst für die meisten Spieler Ansprechpartner. „Je länger man dabei ist, desto mehr öffnen sich die Jungs. Es scheint die Rolle des Internisten zu sein, dass er Mädchen für alles ist“, sagt Lesch. „Ich werde auch gefragt, wenn ein Augenarzt oder ein Gynäkologe für die Frau gesucht wird.“ Ein Spieler habe ihn einmal sogar gebeten, dass er ihm ein Gutachten für die Krankenversicherung seines Hundes schreibe. „Das habe ich dann aber doch abgelehnt“, sagt Lesch lachend.

Alexander Lesch, SV Darmstadt 98

Seit 2016 hat Mannschaftsarzt Alexander Lesch sechs verschiedene Cheftrainer erlebt

Wie sich Spieler von anderen Patienten unterscheiden

Grundsätzlich seien Spieler schon etwas anders als andere Patienten: Sie seien es gewohnt, relativ sofort bedient zu werden und das teilweise auch zu ungewöhnlichen Zeiten. Aber natürlich könne er einen Spieler auch nicht einfach zu den anderen Patienten ins Wartezimmer setzen. „Wir hatten die Checks schon morgens um fünf oder abends um halb elf, je nachdem wie eng das Transferfenster ist“, sagt Lesch.

Als sehr angenehm im Umfang mit den Spielern und Offiziellen empfindet Lesch, dass alle auf dem Boden geblieben seien. „Da war bislang keiner, der fordernd oder unhöflich war. Und sie zeigen Wertschätzung“, sagt er. Mit vielen halte der Kontakt noch über die aktive Zeit in Darmstadt hinaus – etwa mit Peter Niemeyer, Hamit Altintop, Frank Steinmetz oder Toni Sailer.

Welche neuen Aufgaben mit der Corona-Pandemie dazukamen

Mit der Corona-Pandemie ist noch eine weitere Aufgabe für Lesch dazugekommen. Als Hygiene-Beauftragter des Vereins muss er Informationen aus dem medizinischen und aus dem fußballerischen Bereich sammeln, überwachen und abgleichen mit dem, was vorgegeben wird von DFB/DFL, Gesundheitsamt oder Arbeitsschutz. Dabei lobt Lesch den engen Kontakt und Austausch mit Stadt, Gesundheitsamt, aber auch mit der Deutschen Fußball Liga. „Da empfand ich es als sehr angenehm, dass man auch den Input von kleineren Vereinen aufgenommen hat“, sagt er über die DFL.

Bei den Heimspielen ist Lesch regelmäßig dabei. Eine weitere Reanimation hat er als Teamarzt noch durchführen müssen. Zudem war er der Arzt, der dem damaligen Kaiserslauterer Coach Jeff Strasser nach dessen Schwächeanfall Anfang 2018 in der Halbzeitpause am Böllenfalltor mit ärztlichem Nachdruck klarmachte, dass er die Partie nicht weiter betreuen könne und ins Krankenhaus müsse – mit der Folge, dass das Spiel abgebrochen wurde. In solchen Situationen sei er ruhig, da arbeite er im Notarzt-Modus und wisse genau, was zu tun sei, sagt er.

Wieso Alexander Lesch das erste Geisterspiel so erschütterte

Auswärts ist der zweimalige Familienvater eher selten dabei – mit Ausnahmen. „Aus moralischer Unterstützung bin ich 2018 im Abstiegskampf auch zu den Auswärtsspielen mitgefahren. Da ging es nicht nur um medizinische Dinge, sondern ich habe auch mal den Eiweiß-Shake oder das Magnesium-Tütchen gereicht“, sagt er. „Als wir dann die Klasse gehalten hatten, war ich total leer, als hätte jemand den Stecker gezogen “

Wieso sich Lesch das alles zusätzlich zu seiner Praxis aufbürdet? Wegen der Emotionen! „Deswegen hat mich auch das erste Geisterspiel in Karlsruhe nach dem Lockdown so mitgenommen“, sagt er. „Als ich das gesehen habe, habe ich mir gedacht: Das ist nicht meine Welt. Das ist nicht der Fußball, den ich liebe.“

Alexander Lesch, SV Darmstadt 98

Auch in der Praxis von Alexander Lesch ist das Böllenfalltor immer präsent

Bildquellen

  • Ber veröffentlichung ist das Bild mit“Foto: Arthur Schönbein“ zu Zeichnen.: Arthur Schönbein
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