Trotz Corona – die vergangene Amtsperiode war für Rüdiger Fritsch nicht unbedingt die schwierigste. Seit 2012 ist der Jurist Präsident des SV Darmstadt 98, unter seiner Führung hat sich der Verein in der 2. Fußball-Bundesliga etabliert. Auch wenn diese Saison sportlich nicht immer ohne Probleme lief – insgesamt könne die Lilien-Familie stolz auf das erreichte sein, sagt er. Am kommenden Mittwoch stellt sich der 59-Jährige auf der virtuellen Mitgliederveranstaltung zur Wiederwahl. Einen Gegenkandidaten hat er nicht.

Herr Fritsch, kommenden Mittwoch findet die Mitgliederversammlung des SV Darmstadt 98 statt – coronabedingt als Online-Veranstaltung. Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem entgegen?

Mit gemischten Gefühlen. Die Mitgliederversammlung findet zum ersten und hoffentlich zum letzten Mal digital statt. Wir leben alle vom direkten Kontakt. Das ist bei einer digitalen Veranstaltung nicht möglich. Aber andere Vereine haben das auch geschafft.

Einen Gegenkandidaten haben Sie nicht …

Wenn Kampfabstimmungen stattfinden, ist das in der Regel nicht zum Wohle eines Vereins. Wir fahren sehr gut mit der Kontinuität – nicht nur im Präsidium, sondern auch auf anderen wichtigen Positionen. Man kennt sich, schätzt sich, weiß, wie der andere tickt. Davon profitiert der Verein.

Sie sind seit bald neun Jahren Präsident. War die letzte Amtszeit die schwierigste?

Als ich 2012 Präsident wurde, sind wir am Ende der Saison sportlich abgestiegen und haben erst durch das wirtschaftliche Fehlverhalten von Kickers Offenbach die Klasse gehalten. Das war gleich zu Beginn die größte Leidenszeit. Denn damals waren wir finanziell und strukturell noch lange nicht so stabil. Ein damaliger Abstieg hätte die Weichen definitiv in eine schlechtere Richtung gestellt. Ich weiß nicht, ob man das mit heute vergleichen kann. Aber zumindest gemessen an der Zeit ab Mitte 2013 waren die vergangenen Monate sicherlich die härteste Zeit.

Frank Horneff, Dirk Schuster, Rüdiger Fritsch, Lilienblog, SV Darmstadt 98

Guter Griff – Rüdiger Fritsch (rechts), bei der Vorstellung von Trainer Dirk Schuster (Mitte) im Dezember 2012

Wo steht der Verein heute?

Der SV Darmstadt 98 hat sich im Profifußball etabliert. Wir sind wirtschaftlich stabil, haben ein positives Eigenkapital, besitzen alle Vermarktungsrechte, bauen ein Stadion in Eigenregie, sind in der Region verankert und leben soziales Engagement. Wenn man das nimmt und irgendwelche Slapstick-Eigentore in der Nachspielzeit mal ausklammert, dann kann die gesamte Lilien-Familie stolz sein.

Wie sehen Sie die sportliche Situation? Sie haben sich ja nach dem 0:1 gegen Karlsruhe kürzlich selbst zu Wort gemeldet.

Der Präsident soll sich im sportlichen Bereich auch nur in Ausnahmefällen zu Wort melden.  Wir haben ja seit einiger Zeit auch hier professionelle Strukturen aufgebaut und die Verantwortung für den Sport auf mehrere Schultern verteilt. Natürlich hätten wir uns sportlich ruhigere Zeiten gewünscht. Wir wollten nicht permanent in den Rückspiegel gucken müssen, was die Tabellensituation angeht. Aber wir kennen das Geschäft. Es ist unser Job, ruhig und sachlich zu agieren. Wenn wir mit Markus Anfang einen Paradigmenwechsel im Spielsystem vornehmen, müssen wir auch Geduld haben. Dazu stehen wir.

Es wird nicht leichter werden. Im Sommer ist Torjäger Serdar Dursun wohl ablösefrei weg. Wie wollen Sie das auffangen?

Abgänge gehören zum Fußball. Wenn einen das aus der Bahn wirft, hat er den falschen Job. Andere Vereine verlieren auch regelmäßig Leistungsträger. Wir hatten einen Dominik Stroh-Engel, dann kam ein Sandro Wagner, dann ein Serdar Dursun – bei allen konnte man die Entwicklung nicht voraussehen. Auch wenn das sicher nicht immer einfach ist: Das ist die Aufgabe einer sportlichen Leitung, entsprechend neue Spieler zu finden.

Beim Budget für Neuverpflichtung fehlen zudem die Zuschauereinnahmen …

Corona betrifft nicht nur Darmstadt 98. Es wird ein positives Gesundschrumpfen geben. Überhöhte Forderungen von Spielern und Spielerberatern werden in den nächsten Spielzeiten nicht mehr bedient werden können. Grundsätzlich ist mir nicht bange, dass wir nicht mithalten können. Wir sind einer von sieben Profivereinen, die in der Saison 2019/20 ein positives Ergebnis verkünden können.

(In Teil 2 geht es um Geisterspiele, das Rostock-Konzept und die Frage, wann Rüdiger Fritsch fertig hat.)

Bildquellen

  • Schuster Präsentation 2012 Krämer: privat
  • D98-Fritsch-001: Arthur Schönbein

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