Fast vier Jahrzehnte beim SV Darmstadt 98 – das ist im schnelllebigen Fußball-Geschäft eine Ewigkeit. 1982 begann Dr. Michael Weingart als Mannschaftsarzt bei den Lilien. Am heutigen Donnerstag (15. April) wird er 70 Jahre alt. Auch wenn er es mittlerweile ruhiger angehen lässt – von Ruhestand kann keine Rede sein. Und auch auf die Feier zum runden Geburtstag wird nicht ganz verzichtet – coronabedingt allerdings nicht im großen Kreis und unter Einhaltung der entsprechenden Vorschriften.

Beim Wunder von Bielefeld lag Michael Weingart krank im Bett

Die Lilien waren gerade aus der Bundesliga abgestiegen, da übernahm der gebürtige Saarländer neben seiner Tätigkeit als niedergelassener Orthopäde den Job als Mannschaftsarzt. Auf den ersten sportlichen Höhepunkt musste er rund sechs Jahre warten. 1988 klopften die Mannschaft in der Relegation gegen Waldhof Mannheim noch einmal an das Tor zum Fußball-Oberhaus.

„Da lagen wir 0:2 hinten, brauchten unbedingt ein Tor für ein weiteres Spiel“, erinnert er sich. „Die Spieler saßen mit hängenden Köpfen auf dem Boden, wir haben sie aufgemuntert. Und in der 88. Minute hat Uwe Kuhl tatsächlich noch getroffen.“ Ein Happy End gab es trotzdem nicht. Das Entscheidungsspiel verloren die Lilien im Elfmeterschießen. „Da haben wir sehr gelitten, weil wir das Gefühl hatten, dass wir besser waren“, sagt er.

An das Wunder von Bielefeld sind Weingarts Erinnerungen dagegen nicht so intensiv. „Da musste ich krank zu Hause bleiben. Das Spiel habe ich nur am Fernseher erlebt“, sagt er. Zwischen diesen beiden Relegationsspielen lagen 26 Jahre, die zum größten Teil ziemlich trist waren. 1993 stiegen die Lilien in die Dritte Liga ab, später waren sie sogar zeitweise viertklassig. Und dann kam noch 2008 die Insolvenz dazu.

Abstehende Knochen und ein zerschmettertes Gesicht

Ans Hinschmeißen hat Weingart trotz aller Querelen aber nie ernsthaft gedacht. „Auch in der schlechten Zeit habe ich fast alle Auswärtsspiele gemacht, war in Flieden oder Fernwald. So haben meine Frau und ich Hessen gut kennengelernt. Ich stand ja nie auf der Gehaltsliste des Vereins und hatte immer die Freiheit, es sein zu lassen.“

Die schlimmste Verletzung, die Weingart in seiner Amtszeit erlebt hat, war der Schien- und Wadenbeinbruch von Christian Wiesner im April 2008 im Hessenligaspiel gegen Schwalmstadt. „Der Unterschenkel stand 40 Grad zur Seite“, erinnert er sich.

Und dann war da natürlich die großartige Geschichte mit Aytac Sulu und seinem vierfachen Knochenbruch im Gesicht in Ingolstadt 2014. „Ich war mit ihm in der Klinik. Er hatte keine neurologischen Ausfälle, wollte nicht in Ingolstadt bleiben. Der Mannschaftsbus war aber schon weg. Also haben meine Frau und ich ihn in unser Cabrio gepackt. Sie am Steuer, Aytac auf dem zurückgelegten Beifahrersitz, und ich auf der Rückbank mit der Infusion in der Hand. So haben wir ihn nach Hause nach Heidelberg gefahren.“

Am Ende der Saison gelang der Mannschaft dann tatsächlich noch die Rückkehr in die Bundesliga. Im Jahr darauf folgte sensationell der Klassenerhalt in Berlin. „Das war ein wunderbarer Abschluss“, sagt Weingart. 65 Jahre war er damals alt. „Ich wusste: Das kann man nicht mehr toppen. Also habe ich mir gedacht, ich übergebe einen Bundesliga-Verein und ziehe mich als Mannschaftsarzt zurück.“

Doch es kam anders – und zwar kurz vor Weihnachten 2017. „Da rief Dirk Schuster an und fragte: ‚Was machst Du am 2. März? Wir haben ein Spiel in Dresden. Da bist Du gebucht.‘“ Der amtierende Mannschaftsarzt war verhindert und hatte die Trainer schon vor dem Spiel unterrichtet, dass er zum Saisonende aufhören werde. „So war ich wieder dabei“, sagt Weingart. Das Spiel gewannen die Lilien 2:0. Danach habe Schuster zu ihm gesagt: „Du kannst jetzt nicht mehr weggehen.“

„Schuster hatte einen Plan – und hat den auch nicht geändert“

Die Zusammenarbeit mit Schuster sei überhaupt sehr gut gewesen. „Wir hatten ein sehr großes Vertrauen. Er hat mir nicht reingeredet, ich habe ihm natürlich auch nicht reingeredet. Jeder musste seine Verantwortung tragen.“ Schuster habe immer gesagt: „Doci, wenn Du das meinst, dann machen wir das so.“ Als Coach habe Schuster einen Plan gehabt – und den auch nicht geändert. „Das war sein Stil, mit dem er lange erfolgreich war.“

Heute erledigen Weingarts Mannschaftsarztkollegen – Ingo Schwinnen und Philip Jessen – die meiste Arbeit, sowohl in der Praxis wie bei den Heimspielen. „Ich darf dann die dankbaren Spiele machen, Mittwochabend um 20.30 Uhr in Kiel und Montagabend 20.30 Uhr in Hannover“, sagt er lachend. Zu schaffen machten dem Vizeweltmeister im Rollkunstlauf der Paare zuletzt vor allem die Knie. „Da fällt das schnelle Laufen immer schwerer. Und es sieht ziemlich blöd aus, wenn man erst vier Meter nach dem Physio beim verletzten Spieler ankommt“, räumt er ein.

Sein bislang letztes Auswärtsspiel war im Dezember gegen jene Mannschaft, die auch kurz nach seinem Geburtstag wieder am Böllenfalltor zu Gast ist: die SpVgg Greuther Fürth. Mit Weingarts ärztlicher Betreuung gewannen die Lilien damals 4:0. Auch wenn noch ein paar Punkte fehlen, ist er beim Blick in die Zukunft der Lilien zuversichtlich: „Die Mannschaft funktioniert und wir werden sicher den Klassenerhalt bald eintüten.“

MIchael Weingart, SV Darmstadt 98

Alles im Blick: MIchael Weingart (vorne)

Ein Segelboot in Griechenland

Mit Blick auf sein Leben hatte er sich bereits in einem Lilienblog-Interview im vergangenen Jahr sehr zufrieden gezeigt. „Eigentlich ist bisher alles super gelaufen – mit der Familie, der Gesundheit, dem Beruf und auch im Fußball“, sagte er. Die ärztliche Betreuung der Mannschaft bis in die Bundesliga, all die Erlebnisse auch mit Johnny Heimes, das sei etwas Einmaliges gewesen.

Den 70. Geburtstag werde er nun mit seiner Frau, seiner 95-jährigen Mutter und den fast 90 Jahre alten Schwiegereltern verbringen, die alle noch fit seien. Einige der vier Kinder und zahlreichen werden mal vorbeischauen. „Das Wetter soll schön werden, und Terrasse und Garten sind groß“, sagt er.

Ansonsten genießt Weingart die Freiheit – vornehmlich auf dem Segelboot in Griechenland. Vergangenes Jahr habe er dort im Juni herrliche Wochen auf dem fast leeren Meer verbracht. Anfang Mai geht es jetzt wieder für acht Wochen dorthin.

Die heißen Monate werden seine Frau und er wieder in Deutschland verbringen. Und dann geht der hoffnungsvolle Blick schon in Richtung der kommenden Spielzeit. „Wir alle hoffen, dass die neue Fußballsaison uns wieder mehr Freiheiten gibt“, sagt er. „Das neue Stadion wächst, und es wird auch die Fans nach der Pandemie wieder zurückholen.“

Auch Weingart wird man dann dort wohl öfter auf der Tribüne sehen. Bereits im vergangenen Jahr hatte er erklärt, sich zunehmend als Mannschaftsarzt zurückzuziehen. „Man darf nicht an solchen Dingen hängen“, sagt er. „Es macht mir auch Spaß, einfach nur zuzusehen.“

Bildquellen

  • D98-X-006: Arthur Schönbein
  • Weingart-Michael: Arthur Schönbein

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