Keine Mitleidsanrufe, sondern endlich wieder einen Sieg – was sich Filmproduzent Nick Golüke vom SV Darmstadt 98 wünscht – und was die Lilien vom großen FC Bayern in der aktuellen Situation lernen können. Ein Lilienblog-Kommentar:
Gestern um 15:32 Uhr. Wieder klingelt das Telefon. Ich kenne das schon. Immer, wenn die Lilien verloren haben, möchten meine Freunde – allesamt keine Fans der 98er – mich trösten. Ich gehe nicht dran. Ich will nicht mehr. Ich brauche keinen Trost mehr. Nur 1 Sieg aus letzten 31 Ligaspielen. Der schwächste Start seit 35 Jahren. Es reicht. Erst recht nach diesem Debakel in Elversberg. Zeitenwende – so wäre der Modebegriff für das, was dort gestern passiert ist.
Ein Trainer, der zwar Verantwortung übernimmt, aber öffentlich sein Team zerlegt und sich „von der Mannschaft im Stich gelassen fühlt“. Ein Torhüter, dessen Interview in jedem Jahresrückblick zu finden sein werden, der sagt: „Die sich verpissen (wollen), sollen sich verpissen.“ Fans, die ihre Fahnen noch während des Spiels einrollen und skandieren: „Wir haben die Schnauze voll!“
Schuhens Aussagen werfen Fragen auf
Emotionen und Aussagen, die es normalerweise erst im zweiten Drittel der Saison gibt, wenn sich die Verzweiflung im Abstiegskampf sein Ventil sucht. Ein desolater Auftritt, der ratlos und wütend macht. Die Lilien wirkten von Beginn an überfordert und fanden nie ins Spiel, während die Saarländer in allen Bereichen klar überlegen waren. Haben wir uns alle blenden lassen vom vielversprechenden 1:1 gegen den schwachen 1. FC Nürnberg in der Vorwoche?
Es gibt keine Entschuldigung für das, was auf dem Platz geschah.
Und abseits der üblichen Allgemeinplätze nach dem Spiel, wie „Basics funktionieren nicht“ und dem Rat, „jeder muss sich an die eigene Nase fassen“, weisen einige Aussagen von Marcel Schuhen darauf hin, dass das Problem tiefer liegt. Dass es Risse gibt im Mannschaftsgefüge, dass persönliche Interessen über die des Vereins gestellt werden.
Das alles muss jetzt auf den Tisch. Schonungslos. Gerade der SV Darmstadt 98 lebt von seiner Geschlossenheit und Harmonie. Es kann hier keinen Platz geben für – wie von Schuhen angedeutet – Stinkstiefel und Quertreiber.
Keine Hierarchie?
Doch wer soll die Moderation aus der Mannschaft übernehmen? Es wirkt, als hätten die Lilien momentan keine Hierarchie. Spieler, die vorangehen, führen. Auf dem Platz und außerhalb. Der Mannschaftsrat ist geschwächt. Holland verletzt, Kempe, Gjasula, Zimmermann angeschlagen oder/und sportlich außen vor. Bleiben nur Schuhen und der gerade mal 21-jährige Clemens Riedel.
Für die Kaderzusammenstellung und das große Ganze im sportlichen Bereich sind Torsten Lieberknecht und Paul Fernie verantwortlich. Hier in München habe ich als ARD-Sportreporter in den 90er und 2000er Jahren beim FC Bayern gelernt, dass es in Krisenzeiten Aufgabe der Abteilung Attacke war, die Mannschaft öffentlich zu kritisieren. Allen voran Uli Hoeneß. Wie oft hat er sie hart angepackt, um sie wachzurütteln. Während sich die Trainer immer schützend vor die Mannschaft gestellt haben. Wenn auch oft mit geballter Faust in der Tasche.
Ein Paul Fernie ist kein Uli Hoeneß. Ein Rüdiger Fritsch kein Beckenbauer. Aber es ist Zeit, dass sich die Verantwortlichen und ganz besonders Fernie hier deutlich bemerkbarer machen. Auch, um ihren Trainer vor solchen Aussagen wie gestern zu bewahren.
Nicht labern, sondern machen
Seine Menschlichkeit und Offenheit machen Torsten Lieberknecht ungemein sympathisch, aber eben auch intern angreifbar.
Ist er noch der richtige Mann? Die nackten Ergebnisse der letzten 1,5 Jahre sprechen eine eindeutige Sprache und bieten wenig Argumente für den Trainer in einem Profi-Betrieb, bei dem es eben nicht um Sympathie, sondern um Ergebnisse geht.
Die Verantwortlichen des Vereins müssen in den kommenden Tagen durch viele Einzelgespräche herausfinden, ob der Trainer noch die Kabine hinter sich weiß. Ob er glaubhaft einen Weg aus der Dauer-Krise skizzieren kann. Denn wenn der SV 98 so weitermacht, ist die Zweitligazugehörigkeit ernsthaft in Gefahr – das ist die ernüchternde Wahrheit. Und ich möchte einfach keine Mitleidsanrufe meiner Freunde bekommen. Es reicht. Und da bin ich bei Marcel Schuhen: Nicht labern, sondern machen.
Über Nick Golüke:
Nick ist Lilienfan von klein auf. Geboren in Darmstadt, aufgewachsen unweit des Böllenfalltors in der Martinstraße, nahm ihn sein Vater 1981 zum ersten Mal mit zu den Lilien. Eine Liebe auf den ersten Blick.
Auch von München aus, wo er seit 1996 mit seiner Familie lebt, verfolgt er leidenschaftlich das Geschehen am Böllenfalltor. Hat Dauerkarten, ist Mitglied und bezeichnet es als seine „größte Leistung“, dass er es in München geschafft hat, sowohl Sohn Moritz als auch Tochter Louisa zu glühenden Lilien-Fans „zu erziehen“.
2008 war Nick durch seine guten Kontakte als ARD-Sportreporter zu Uli Hoeneß und dem FC Bayern maßgeblich am Zustandekommen des Retterspiels für die Lilien beteiligt.
Heute ist Nick Filmproduzent von weltweiten Dokumentationen und Reportagen für ARD, ZDF und Arte wie zuletzt der ARD-Film mit Esther Sedlaczek („Deutschland. Fußball. Sommermärchen 2024?“), bei dem er sich auch mit Bastian Schweinsteiger und Annalena Baerbock zu seiner Liebe zum SV Darmstadt 98 ausgetauscht hat. Er kann nicht anders.
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Bildquellen
- SVD-f95-2024-25-blog-0034: Arthur Schönbein