Nach dem desaströsen 2:6 bei Aufsteiger SC Paderborn sind Wut und Enttäuschung im Umfeld der Lilien noch immer groß. Der größte Zorn richtet sich gegen etablierte Spieler wie Aytac Sulu, Marcel Heller, Tobias Kempe und Trainer Dirk Schuster. Das ist zum Teil gerechtfertigt, stehen sie als Leistungsträger und Verantwortliche doch besonders in der Pflicht. Doch die einfachen Rezepte und Parolen nach dem Motto „XY raus!“ greifen zu kurz.

Sulu raus?

Aytac Sulu ist der dienstälteste und verdienteste Spieler im Kader der Lilien. Er kam in der Winterpause 2012/13, stieg mit den Lilien bis in die Bundesliga auf, hielt dem Verein auch danach die Treue und hatte noch vergangene Saison maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt. Inzwischen ist er 33 Jahre alt und seine Schnelligkeitsdefizite, die er bisher mit gutem Auge und Timing wettgemacht hat, werden immer deutlicher. Dass die Abwehr in dieser Saison weit von der Sicherheit früherer Jahre entfernt spielt, ist nicht allein seine Schuld. Als Abwehrchef und verlängerter Arm des Trainers ist er aber maßgeblich in der Verantwortung.

Doch was wäre, wenn Schuster auf Sulu verzichten würde? Im Kader stehen als gelernte Innenverteidiger noch Marcel Franke (gesetzt, zuletzt aber verletzt) und Immanuel Höhn (schwankende Leistungen). Hinzu kämen Tim Rieder (spielte meist Rechtsverteidiger, wo er ebenso wenig überzeugte wie als Sulu-Vertreter gegen Ingolstadt) und Wilson Kamavuaka (unter Schuster nur Ergänzungsspieler). Ein Leader ist keiner von ihnen – auch in den anderen Mannschaftsteilen gibt es keinen, der so vorangeht wie Sulu. Den Kapitän und einzigen Führungsspieler im Team zu rasieren und keine Alternative zu haben, könnte sich als ziemlich fahrlässig erweisen.

Aytac Sulu, SV Darmstadt 98

Aytac Sulu, Abwehrchef mit Problemen

Kempe raus?

Wie Sulu ist auch Tobias Kempe ein verdienter Spieler. Er schoss die Lilien 2015 in die Bundesliga und hatte vergangene Saison als bester Torschütze maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt. Auch in dieser Saison ist er mit sieben Treffern (sechsmal Liga, einmal Pokal) erfolgreichster Schütze. Seine Freistöße und Ecken kommen zwar nicht mehr so gefährlich wie in besten Zeiten, trotzdem brachte er es auch in dieser Spielzeit schon auf drei Assists. In den vergangenen Spielen überzeugte er freilich nicht. Kempes Problem ist seine Position, muss er doch im aktuellen System viel Laufarbeit und Defensivaufgaben übernehmen. Seine Stärken liegen jedoch vor allem in der Offensive. Die kann er derzeit allerdings nur selten ausspielen.

Tobias Kempe, SV Darmstadt 98

Kein Durchkommen für Tobias Kempe

Heller raus?

Nach einem Jahr in Augsburg kam Marcel Heller als Schusters Wunschspieler zurück nach Darmstadt. Der Start war stark, beim 3:0 gegen Duisburg lieferte Heller eine grandiose Leistung ab. Doch in den vergangenen Spielen zeigte die Formkurve steil nach unten. Kaum noch etwas gelang dem Flügelflitzer. Stattdessen verlor er sich in ständigen Diskussionen mit Schiedsrichtern, Gegenspielern und Mannschaftskameraden. Eine Pause täte Heller womöglich gut. Doch wer könnte ihn auf der rechten Seite ersetzen? Selim Gündüz fällt mit Kreuzbandriss aus. Sandro Sirigu muss in der Abwehr ran. Vielleicht hätte ja der junge Orrin McKinze Gaines II mal eine Chance verdient – einfach nur, um Heller zu zeigen, dass mehr von ihm kommen muss. Grundsätzlich kann ein Spieler mit einem phänomenalen Antritt wie Heller für die Lilien jedoch sehr wertvoll sein.

Marcel Heller, SV Darmstadt 98

Marcel Heller – mal wieder am Boden

Schuster raus?

Bis zum Saisonende mit dem Klassenerhalt hatte Dirk Schuster alles richtig gemacht. Und jetzt ist alles falsch? Sicher, Schuster hat bei der Kader-Zusammenstellung nicht alle Positionen gleich stark besetzt. Sicher, sein Fußball ist nicht unbedingt attraktiv. Sicher, sein System wirkt berechenbar – gerade in der Offensive. Natürlich muss er etwas verändern, denn sonst droht der Abstieg. Dabei darf er auch verdiente Spieler nicht aussparen – wenn er Alternativen hat. Wenn es Schuster nicht gelingt, die Lilien wieder in die Spur zu bringen, werden früher oder später die Gesetzte des Fußballs greifen. Die Luft ist schon jetzt dünner geworden für den Trainer des Jahres 2016. Aktionismus ist allerdings nicht angebracht.

Dirk Schuster, SV Darmstadt 98

Skeptischer Blick nach vorn: Dirk Schuster und sein Team

Junge Spieler her?

Frischer Wind, statt satte Altstars – das wäre natürlich schön. Doch die Kluft zwischen Jugend und erster Mannschaft ist in Darmstadt trotz Nachwuchsleistungszentrum groß. Derzeit spielt die U19 der Lilien nicht in der obersten Nachwuchsliga. Sicher gibt es auch ein paar Spieler, deren Talent an die Profis heranreicht. Leon Müller zum Beispiel ist in dieser Saison fester Bestandteil im Training des Profi-Kaders. Aber er ist eine Ausnahme. Allein mit jungen Spielern wird mit Sicherheit kein Umschwung kommen.

Neuzugänge her!

Die von Schuster schon mehrfach beschworene Reset-Taste muss gedrückt werden, die Mannschaft im Kopf frei werden. Für den weiteren Verlauf der Saison ist aber vor allem entscheidend, wen die Lilien im Winter als Neuzugänge holen. Schuster wünscht sich einen Rechtsverteidiger und einen defensiven Mittelfeldspieler. Das würde gleich mehrere Probleme auf einmal lösen. Ein guter Rechtsverteidiger würde die Defensive stabilisieren, Sirigu wäre dann frei, um Heller in der Offensive auch mal zu ersetzen. Ein defensiver Mittelfeldspieler würde Druck von der Abwehr (und damit auch von Sulu) nehmen. Zudem könnte sich Kempe dann wieder stärker auf seine Offensivstärke besinnen. Klingt doch ganz einfach – zumindest in der Theorie ….

 

Bildquellen

  • D98-FCU-003: Arthur Schönbein
  • D98-FCSP-03: Arthur Schönbein
  • D98-FCI-07: Arthur Schönbein
  • KSV-D98-004: Arthur Schönbein
  • alle_raus: Arthur Schönbein

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