Es war der 2. Oktober 2015 beim Spiel gegen den FSV Mainz 05. Die Lilien verloren zu Hause mit 2:3. Doch für Marco „Toni“ Sailer war es ein ganz besonderer Tag. In der 57. Minute erzielte er als Einwechselspieler sein einziges Bundesliga-Tor. „Das kann mir niemand mehr nehmen“, sagte er danach. Und auch heute denkt er gerne an diesen Treffer zurück. „Ich war nie als Torjäger bekannt. Da ist man schon besonders stolz, in der Bundesliga ein Tor zu machen“, sagt er.

„Die Leute haben mich ausgelacht“

Dass er es überhaupt zum Bundesliga-Spieler gebracht hatte, war für ihn eigentlich schon eine Sensation: „Ich kann mich gut erinnern, als ich noch in der Verbandsliga gespielt habe und die Leute mich ausgelacht haben, als ich gesagt habe, ich würde gerne mal in der Regionalliga spielen.“

Doch er habe sich hochgekämpft. Es habe in der 2. und 3. Liga sicher nicht viele Spieler gegeben, die so viel für die Mannschaft investiert hätten. „Ich glaube schon, dass ich da ein besonderer Spieler war“, sagt er.

„In der Bundesliga hatte ich nur ein Jahr etwas verloren“

Aber die Bundesliga mit ihrer unglaublichen Qualität sei dann schon noch etwas Anderes. „Die zeigt einem, dass man mit Kampf und Laufen eben nicht alles kaschieren kann, dass das unmöglich ist. Ich weiß schon, dass ich in der ersten Liga im Prinzip nur ein Jahr etwas verloren gehabt habe. Aber dieses Jahr hab ich mir verdient.“

Am Ende der Saison 2015/16 wurde sein Vertrag bei den Lilien nicht verlängert. „Natürlich wäre ich gerne geblieben“, sagt er heute. „Ich glaube, ich hätte dem Verein und der Truppe auch noch etwas geben können für das zweite Bundesliga-Jahr – aber vielleicht nicht zwingend mit meiner Qualität auf dem Platz.“

„Am Ende Einstellungssache“

Ob eine Karriere wie die seine, in der man sich ohne Ausbildung im Nachwuchsleistungszentrum nach oben kämpft, heute noch möglich sei? „Ja, mit Sicherheit. Auch in den unteren Ligen gibt es super Fußballer.“

Und dann erzählt er, wie er früher jedes Jahr vor Weihnachten hobbymäßig ein kleines Hallenturnier gespielt habe. „Da waren oft Mit- und Gegenspieler dabei, die irgendwo in der Bezirks- oder Landesliga gespielt haben, und bei denen ich mir auch gedacht habe: Wenn der sich mehr zusammenreißen würde und am Wochenende nicht zwölf Glühwein trinkt, könnte der auch besser sein als ich.“ Was den Unterschied mache? „Das ist am Ende eben auch eine Einstellungssache!“

Mit seiner Spielerkarriere hat er nach dem schlecht ausgeheilten Schienbeinbruch im Jahr 2018 abgeschlossen. Rückblickend hat er eine gesunde Distanz entwickelt: „Es gibt ein schönes Gefühl, dass man etwas erreicht hat. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Nur aus dieser Zeit schöpfe ich die Kraft für die nächsten 40, hoffentlich 50 Jahre.“

Am Rande des Neujahrsempfangs hat der Lilienblog lange mit Toni Sailer gesprochen: Offen und reflektiert plauderte der mittlerweile 34-Jährige über gestern und heute – von seinem Werdegang, dem „Wunder von Bielefeld“, seinem einzigen Bundesliga-Tor, seinem Kult-Bart bis hin zu seinen heutigen Plänen. Nahezu jede Antwort ist eine Geschichte für sich. Mal lustig, mal nachdenklich, meist anrührend und immer sehr ehrlich. Diese Geschichten gibt der Lilienblog in einer Toni-Sailer-Serie wieder.

Teil 1 „Lampenfieber und Umorientierung
Teil 2 „Das alte Stadion hat mir besser gefallen
Teil 3: „Das mit Hanno kam von Herzen“
Teil 4: „Wunderheilung vor dem Wunder

In Teil 6 spricht Toni Sailer von Bärten und veganer Ernährung. Die Folge erscheint am Donnerstag auf dem Lilienblog. 

 

Bildquellen

  • toni-titel: Arthur Schönbein

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