Erstmals tragen die Lilien ein Pflichtspiel am Böllenfalltor ohne Zuschauer aus. Lilienblog-Autor Stephan Köhnlein beschreibt, wie er das Geisterspiel erlebt hat.

Kurz vor zwölf, dunkle Wolken über dem Paulusviertel. Sonst strömen dort an Spieltagen die Menschen von überall Richtung Stadion. Heute ist niemand unterwegs. Der Kiosk an der Nieder-Ramstädter Straße, der vor Spielen öffnet und Bier verkauft, ist geschlossen. Die Straßenbahn ist leer. Der Stadion-Parkplatz ist zwar abgesperrt und von Ordnern bewacht. Doch anders als üblich stehen dort heute kaum Autos.

SV Darmstadt 98 - FC St. Pauli, Geisterspiel

Absperrungen wie immer

Der Zugang zum Stadion ist nur durch das neue Multifunktionsgebäude möglich. Am Eingang heißt es, Mundschutz anlegen und Hände desinfizieren. Neben dem Eingang steht Präsidiumsmitglied Tom Eilers. Auf meine Frage „Na, alles desinfiziert?“ brummelt er etwas Unverständliches in seinen Mundschutz.

Um ins Stadion zu kommen, muss ich mehrere Stufen durchlaufen. Zunächst die Überprüfung der Personalien mit Personalausweis. Dann die Abgabe des „Fragebogens für Einlasskontrolle im Rahmen der Durchführung des Sonderspielbetriebs der Bundesliga und 2. Bundesliga“, in dem ich versichere, dass ich wahrscheinlich kein Covid-19 habe.

SV Darmstadt 98 - FC St. Pauli

„Ich leide nicht unter typischen Symptomen einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2“

Und das Fiebermessen. Bei 38 Grad müsste ich draußen bleiben. Der Scanner, vor den ich mich mit etwa einem Meter Abstand stelle, zeigt eine Körpertemperatur 34,5 Grad an. Der Ordner bittet mich, den Mundschutz abzunehmen. Die Temperatur steigt auf 34,7 Grad. „Das ist doch ein bisschen wenig. Muss ich mir da nicht Sorgen machen?“, frage ich etwas beunruhigt. „Seien Sie doch froh“, sagt der Ordner grinsend. Ab diesem Zeitpunkt friere ich.

Hinter der Haupttribüne stehen die Übertragungswagen des Fernsehens, gut ein Dutzend Menschen bewegt sich auf dem Vorplatz. Verkaufsstände und Presseraum sind geschlossen. Journalisten dürfen beim Geisterspiel ausnahmsweise sogar Flaschen zur Selbstverpflegung mit ins Stadion bringen. Ich habe meine Verpflegung vergessen. Mir ist vor allem nach einem warmen Tee oder Kaffee. Keine Chance.

SV Darmstadt 98 - FC St. Pauli, Geisterspiel

Der Medienraum bleibt geschlossen.

Auf der Tribüne sind ein paar Ordner, einige Mitarbeiter und Offizielle der Lilien sowie der Gäste aus Hamburg und ein paar wenige Journalisten-Kollegen. Viele, die sonst dabei sind, fehlen bei diesem Geisterspiel, weil die Deutsche Fußball Liga DFL den Zugang für die Medien stark eingeschränkt hat. Zum ersten Mal seit über zwei Monaten sehe ich viele Kollegen persönlich wieder, die mir über die Jahre ans Herz gewachsen sind. Die Begrüßung erfolgt jedoch streng nach den Hygiene-Vorgaben: kein Händeschütteln, kein Abklatschen, immer der nötige Sicherheitsabstand.

Es fängt an zu regnen, die Temperaturen sinken. Die Stadionregie spielt den Song „Ghostbusters“ zum Geisterspiel. Auf Wunsch der Mannschaften, wie es heißt. Immerhin haben die Humor. Dann die Aufstellungen. Wenn sich grummelnd die Klänge von Alan Parsons „Sirius“ erheben, dann die schneidende Gitarre einsetzt und der Stadionsprecher mit dramatischer Stimme die Vornamen der Spieler verliest und das Publikum die Nachnamen skandiert, ist das normalerweise ein Gänsehaut-Moment. Diesmal werden die Namen ganz trocken vorgelesen. Das klingt wie auf einem Dorffußball-Platz. Aber Pathos und Show wären unter diesen Umständen auch nicht angebracht.

SV Darmstadt 98 - FC St. Pauli, Geisterspiel

Gedenken an die Corona-Opfer

Ein munteres Geisterspiel auf dem Platz

Vor dem Anpfiff gibt es eine Gedenkminute für die Opfer der Corona-Pandemie. Die Spieler haben sich dazu um den Mittelkreis aufgestellt. Hinter ihnen hängt auf dem Stehplatzrang der Gegengerade ein Plakat der Ultras mit dem Satz: „Geisterspiele sind nicht die Lösung, sondern offenbaren die Probleme“. Auf dem Rang darüber stehen auf den Sitzplätzen Bilder von Dauerkarteninhabern, die sich so mit dem Verein solidarisch erklären – trotz der Geisterspiele.

Trainer Dimitrios Grammozis hat tatsächlich rotiert und die Mannschaft auf fünf Positionen umgebaut. Braydon Manu ist wieder nicht im Kader. Es wird trotzdem ein munteres Spiel. Die Lilien gehen früh in Führung, St. Pauli lässt zahlreiche gute Gelegenheiten aus und bricht dann im zweiten Durchgang auseinander. Yannick Stark erzielt ein Tor mit einem Fernschuss. Es wird der höchste Sieg der Saison, der höchste Sieg unter Grammozis, überhaupt der höchste Sieg seit März 2015, als die Lilien Union Berlin mit 5:0 vom Platz fegten. Nur schade, dass es diesmal niemand sieht.

Nach dem Spiel gibt es keine Mixed-Zone mit Spielerinterviews. Für die Pressekonferenz können wir vorher die Fragen in eine eigens für das Spiel eingerichtet WhatsApp-Gruppe schicken. Die Fragen werden dann vom Pressesprecher verlesen und vom Trainer beantwortet. Alles wird auf die Anzeigetafel übertragen. Nachfragen sind nicht möglich.

Nach rund vier Stunden ist der ganze Spuk schließlich vorbei. Hinter der Südtribüne stehen noch die beiden Mannschaftsbusse, mit denen St. Pauli angereist ist, um nach dem Spiel mit viel Körperkontakt dann wieder den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zu wahren. Der Regen hat aufgehört. Es ist wirklich kalt für Ende Mai.

Bildquellen

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