Wenn Markus Anfang am Sonntag mit dem SV Werder Bremen zurück ans Böllenfalltor kommt, muss sich der frühere Lilien-Coach auf Pfiffe einstellen. Das ist im Fußball nichts Ungewöhnliches, wenn Spieler wie Trainer mit ihrem neuen Arbeitgeber an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren. Aber es ist auch keineswegs ein Naturgesetz: Ein Dirk Schuster oder ein Jérôme Gondorf beispielsweise wurden auch mit ihren neuen Vereinen am Böllenfalltor freundlich vom Publikum empfangen.

Der Fairness halber muss man sagen, dass Anfang in seinem Jahr in Darmstadt mit Lockdown und Geisterspielen kaum Chancen hatte, eine engere Beziehung zum Publikum aufzubauen. Kein Feiern mit den Fans nach Siegen, kein “Die Sonne scheint” nach dem Schlusspfiff, dafür das von den Mikrofonen in den leeren Stadien oft Wort für Wort aufgefangene Dauercoaching, das dem einen oder anderen Zuschauer am Fernseher irgendwann auf die Nerven ging.

Die anspruchsvollen, manchmal wohl auch zu komplizierten Systemvorstellungen des Trainers waren nur mit begrenzter Dauer wirksam. Immer wieder stellte er um. Richtig erfolgreich wurde die Mannschaft erst, als man die Defensive stärkte und zum 4-2-3-1-System der Vorsaison zurückkehrte. Darüber, ob das Anfangs Idee war oder auf Drängen der Spieler geschah, gab es unterschiedliche Versionen. Mit der besten Rückrunde der Lilien-Zweitliga-Geschichte, dem ersten Torschützenkönig seit 40 Jahren und Rang sieben fiel die Saisonbilanz aber insgesamt gut aus.

Von Darmstadt zu einem großen Verein

Über die Umstände und Irritationen bei seinem überraschenden Abgang ist viel geschrieben worden. Anfang hat mehrfach betont, dass es eine Ausstiegsvereinbarung gegeben habe, wenn “ein großer Klub” anfrage. Die Verantwortlichen hätten also gewusst, dass es zu so einer Entwicklung kommen könne. Dass es zunächst Widerstände gegeben habe, bezeichnete er in verschiedenen Interviews als Auszeichnung für seine Arbeit. Zumindest viele Lilien-Fans werden es aber nicht als Auszeichnung sehen, dass Anfang Darmstadt im Gegensatz zu den finanziell gebeutelten Hanseaten nicht als großen Verein sieht.

Florian Junge, Markus Anfang und Carsten Wehlmann, VfL Bochum - SV Darmstadt 98

Ein gutes Verhältnis mit allen handelnden Personen – Florian Junge, Markus Anfang und Carsten Wehlmann nach der Niederlage gegen Bochum

Am Ende durfte Anfang ziehen. Er habe bis heute mit allen handelnden Personen in Darmstadt ein gutes Verhältnis, sagt er. Die Lilien erhielten eine ordentliche Ablösesumme im mittleren sechsstelligen Bereich. In Torsten Lieberknecht fand man zudem einen Nachfolger, der mit seiner bescheidenen und bodenständigen Art nach den bisherigen Eindrücken besser zum Darmstadt 98 passt als der ständig nach Höherem strebende und oft unzufrieden wirkende Anfang.

Ist der Sieger der bessere Trainer?

Nun treffen beide Teams erstmals in der 2. Liga aufeinander – und das auch noch als Tabellennachbarn. Da liegt die Frage nach dem erfolgreicheren System auf der Hand. Vergleicht man die aktuelle Situation mit der vor einem Jahr, sind die zählbaren Unterschiede gar nicht so groß. Heute haben die Lilien mit Lieberknecht gerade einen Punkt mehr als nach dem 9. Spieltag der Vorsaison. Das Torverhältnis ist deutlich besser als damals unter Anfang. Dafür ist die Mannschaft bereits im DFB-Pokal ausgeschieden.

Während die Lilien mit Rang neun nach den Startproblemen inzwischen in der Spur sind, hinkt Bundesliga-Absteiger Bremen als Achter noch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Der Druck des Gewinnen-Müssens liegt also bei Werder. Doch egal, wie die Partie am Sonntag endet, es bleibt nur eine Momentaufnahme mit begrenzter Aussagekraft darüber, wer der bessere Trainer ist. Vielleicht legen die Lilien ja auch mit Lieberknecht wieder eine starke Rückserie hin. Oder Werder mit Anfang. Oder beide.

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4 Comments

  • Chino Bagnio sagt:

    Da ist sie wieder die Mär von der besten Rückrunde der Vereinsgeschichte. Ich werde ihn nicht auspfeifen, das ist mir zu blöd. Aber ich möchte über unseren Sieg jubeln.

    • Stephan Köhnlein sagt:

      Vielleicht kannst Du ja weiterhelfen, weil der Hinweise auf die “Mär von der besten Rückrunde” der Zweitliga-Geschichte kam ja schon öfter. 77/78 war ja in einer zweigleisigen 2. Liga mit jeweils 20 Vereinen. Ich finde, das kann man nicht ohne weiteres vergleichen.
      Ansonsten finde ich es auch schöner, wenn man über eigene Siege jubelt, statt den Gegner runterzumachen.

      • Chino Bagnio sagt:

        Davon hatten wir es ja schon im Frühsommer. Platz 2 in der Rückrunde 19/20, einen Platz vor dem VfB Stuttgart, war trotz einem Punkt weniger als 20/21 die bessere Platzierung und somit auch die bessere Rückrunde.

  • Frank Hofmann sagt:

    Lieber Maggus herzlich willkommen am Bölle. Fühl dich ganz wie zu Hause.

    Profifußball ist nun einmal indirekt ein Konzern gesteuertes System gespeist aus Investorengeldern und da gelten die Regeln des freien Marktes. Wer mehr zahlen kann und die schönere Geliebte bietet gewinnt am Ende den Bräutigam.

    Und der Pfälzer Bub muss halt am Sonntag wieder große Brötchen liefern oder die Kundschaft den Bäcker wechseln.

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