Toni Sailer war Teil jener Lilien-Mannschaft, die 2014 das Wunder von Bielefeld vollbrachte und sensationell in die 2. Liga aufstieg. Doch während die Mitspieler ausgelassen feierten, erlebte Sailer nach Schlusspfiff zwei sehr einsame Stunden.

„Ich bin über den Platz gegangen und habe vor mich hingebabbelt“

Die Partie auf der Bielefelder Alm war ein Auf und Ab gewesen. In der regulären Spielzeit hatten die Lilien das 1:3 aus dem Hinspiel ausgeglichen. Doch nach dem Anschlusstreffer von Bielefeld zum 3:2 in der Verlängerung – so erzählt Sailer – habe er zwei oder drei Minuten gedacht: „Scheiße, das war’s. Jetzt ist es vorbei.“

Da sei er über den Platz gegangen und habe Selbstgespräche geführt und Richtung Himmel geklagt: „Das haben wir uns jetzt nicht verdient!“  Von den Rängen habe er nichts mitbekommen – weder von den Lilien-Fans noch vom Bielefelder Anhang. „Ich bin nur über den Platz gegangen und habe vor mich hingebabbelt.“

Ein Tippen auf der Schulter

Doch dann traf Elton da Costa in der Nachspielzeit zum 4:2 und machte den Aufstieg perfekt. Nach dem Abpfiff sei er ziemlich planlos durch die Gegend gelaufen, erinnert sich Sailer. „Man springt jedem in den Arm, der einem entgegenkommt. Dann denkt man an die Fans, springt da noch hin.“

Lange feiern konnte er allerdings nicht mit den Anhängern. „Ich hatte nach einer Minute an der Fankurve schon ein Tippen auf der Schulter und musste zur Doping-Kontrolle. Da war ich dann zwei Stunden gefangen in einem Raum. “

„Mir wurde sehr viel Spaß weggenommen“

Und dann sei auch noch der damalige Bielefelder und spätere Darmstädter Trainer Norbert Meier vorbeigekommen. „Da musste ich ein bisschen Aufbauarbeit leisten. Man muss ja respektvoll mit ihm umgehen. Er erlebt das Schlimmste in dem Jahr – und ich das Schönste.“

Das Ganze sei eine schwierige Situation für Sailer gewesen. „Ich saß dann da und habe so vor mich hingedacht und gefeiert. Aber eher im Stillen. Das war schade. Mir wurde da sehr viel Spaß für zwei Stunden weggenommen.“

Am Rande des Neujahrsempfangs hat der Lilienblog lange mit Toni Sailer gesprochen: Offen und reflektiert plauderte der mittlerweile 34-Jährige über gestern und heute – von seinem Werdegang, dem „Wunder von Bielefeld“, seinem einzigen Bundesliga-Tor, seinem Kult-Bart bis hin zu seinen heutigen Plänen. Nahezu jede Antwort ist eine Geschichte für sich. Mal lustig, mal nachdenklich, meist anrührend und immer sehr ehrlich. Diese Geschichten gibt der Lilienblog in einer Toni-Sailer-Serie wieder.

Teil 1 Lampenfieber und Umorientierung
Teil 2 „Das alte Stadion hat mir besser gefallen
Teil 3: „Das mit Hanno kam von Herzen“
Teil 4: Wunderheilung vor dem Wunder
Teil 5: „Das kann mir niemand nehmen“
Teil 6: Bärte und vegane Ernährung

Im 8. und letzten Teil geht es am Samstag um gestern, heute und Dirk Schusters wahren Verdienst. 

Bildquellen

  • 18-blog: Arthur Schönbein

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