Die zweite Jahreshälfte ging für die Lilien gut los und hörte versöhnlich auf. Dazwischen war es allerdings zeitweise turbulent – und manchmal auch ziemlich lustig. Teil 2 des Lilienblog-Jahresrückblicks.

Juli: Skarkes Blitztor und der Videobeweis

Tim Skarke hatte niemand so richtig auf der Rechnung – auch in Hamburg nicht. Der Flügelspieler und ehemalige U21-Nationalspieler war in der Vorsaison bei seinem Stammverein 1. FC Heidenheim nur noch Ergänzungsspieler. In Darmstadt sollte ein Neuanfang her. Und der gelang: Zur zweiten Halbzeit wurde Skarke im ersten Saisonspiel gegen den Hamburger SV eingewechselt und wenige Augenblicke später traf er zur 1:0-Führung.

HSV - SV Darmstadt 98

Tim Skarke (links) nach seinem Blitztor

Dass die Lilien am Ende nicht mit einem Sieg in die neue Spielzeit starteten, lag am neu eingeführten Videobeweis. Nach einem Zweikampf im Strafraum hatte Schiedsrichter Robert Hartmann zunächst weiterspielen lassen. Doch nach Intervention von Videoassistentin Bibiana Steinhaus entschied er auf Strafstoß, der dem HSV in der 98. Minute den Ausgleich bescherte.

Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch haderte danach mit der Entscheidung: „Ich bin der Meinung, dass in der letzten Minute ein Elfmeter gleichbedeutend mit einem Tor und damit ein massiver Eingriff ins Spiel ist. Dann muss ich mir als Schiedsrichter 120 Prozent sicher sein.“ Dabei hatten schon die Erfahrungswerte aus der Bundesliga gezeigt, dass der Videobeweis häufig keine 100- (oder 120-prozentige) Sicherheit bringe. Trotzdem hatten sich die Zweitliga-Vertreter inklusive Fritsch als DFL-Präsidiumsmitglied für die Einführung ausgesprochen.

HSV - SV Darmstadt 98

„Nein, mir ist nicht schlecht, ich sehe nur fern“ – Videobeweis bei Hamburger SV – SV Darmstadt 98

August: Kollektives Versagen und ein schlimmer Sturz

Unbesiegt in der Liga, locker weiter im Pokal, da sollte doch der Aufsteiger VfL Osnabrück keine ernsthafte Hürde sein … Doch dann gingen die Lilien an der Bremer Brücke mit 0:4 sang- und klanglos unter. Trainer Dimitrios Grammozis spricht danach von kollektivem Versagen. Eine Niederlage wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die die Mannschaft völlig irritiert und verunsichert zurücklässt. Im folgenden Heimspiel gegen Dynamo Dresden gibt es ein 0:0. Ein schwaches Spiel, bei dem die Lilien sichtlich um ihr Gleichgewicht ringen.

VfL Osnabrück - SV Darmstadt 98

Geknickte Lilien – das 0:4 gegen Aufsteiger Osnabrück

Doch das Sportliche gerät komplett in den Hintergrund. Bereits während des Spiels waren immer wieder Dresdner Anhänger auf abgesperrte Teile des im Bau befindlichen Gästeblocks geklettert und hatten diesen auch trotz mehrerer Aufforderungen nicht verlassen. Nach Spielende kam es dann zum Unglück. Ein Mann stürzte mehrere Meter in die Tiefe, verletzte sich schwer und musste mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden.

Merck-Stadion am Böllenfalltor, nach Unfall

Allen Warnungen zum Trotz – ein schwerer Unfall überschattet Dresden-Spiel

Gelernt hat man offensichtlich nichts aus dem Vorfall. Auch beim letzten Heimspiel des Jahres gegen den Hamburger SV kletterten immer wieder Gäste-Fans auf Bauzäune und verließen diese trotz Aufforderung nicht. Passiert ist dabei Gott sei Dank nichts.

September: Paik mag es „luchig“

Seung-ho Paik ist ein freundlicher und bescheidener Mensch – und ein guter Fußballer. Immerhin war er der erste Asiat, der im berühmten Nachwuchszentrum La Masia des FC Barcelona ausgebildet wurde. Mit dem Durchbruch bei den Katalanen klappte es nicht, seit Herbst steht der südkoreanische Nationalspieler bei den Lilien unter Vertrag. Beim ersten Interview half eine freundliche südkoreanische Kollegin bei der Übersetzung ins Deutsche. Das klappte hervorragend. Nur einmal gab es kurz Irritationen. Auf die Frage, wie es ihm in Darmstadt gefalle, erklärte sie: „Er fühlt sich sehr wohl. Denn er mag es gerne luchig.“ Asiaten haben eben manchmal Probleme mit dem „R“. Paik schätzt es, dass es in Darmstadt im Vergleich zu Barcelona eher ruhig ist.

Seung-ho Paik, SV Darmstadt 98

Neu-Lilie Seung-ho Paik mag es „luchig“

Zudem ließ sich der Lilienblog den Namen vom Spieler selbst ins Mikrofon sprechen (Aussprache: „Peck“). Geholfen hat es nicht viel. Egal ob Trainer, Mitspieler oder Stadionansage – meist wird es ein „Peik“. Der Spieler selbst lächelt das weg. Ein freundlicher Mensch eben.

Oktober: Zwei Sichten auf Mehlem und Kempes Comeback

Marvin Mehlem ist wahrscheinlich der beste Fußballer im Kader der Lilien. Doch in der Hinrunde rief der Mittelfeldspieler sein Können zu selten ab – auch in der Partie gegen seinen Ex-Klub Karlsruher SC. „Dem Mehlem gelingt heute gar nichts“, stöhnte der Lilienblog-Reporter Mitte der zweiten Halbzeit zu seinem ihm bis dato nicht bekannten Nebenmann auf der Pressetribüne. Doch der sah das wesentlich differenzierter, gab ein Kurz-Dossier über die gelungenen Aktionen des Spielers inklusive Spielminute ab. Es handelte sich um David Lehmann, den neuen Chefscout der Lilien. Mehlem wurde trotzdem wenige Minuten später ausgewechselt.

SV Darmstadt 98 - Karlsruher SC

Ohne Durchschlagskraft – Marvin Mehlem gegen seinen Ex-Verein Karlsruher SC

Auch ein weiterer Mittelfeldspieler hatte schwere Zeiten in der Hinrunde: Tobias Kempe. Der erfolgreichste Scorer der vergangenen Jahre verlor zu Saisonbeginn seinen Stammplatz, gehörte zwischenzeitlich nicht mal mehr zum Kader. Umso furioser jedoch sein Comeback. Beim Spiel gegen den FC St. Pauli gab er als Einwechselspieler mit einem Eckball die Vorlage zum Siegtor durch Victor Pálsson, der ihn später als „Standardprofessor“ adelte. Bis zur Winterpause folgten zwei weitere Assists und drei Treffer. In dieser Form ist Kempe nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

November: Reichlich dicke Luft

Der November begann mit einem desaströsen Auftritt bei der SpVgg Greuther Fürth. Die Lilien kamen überhaupt nicht ins Spiel, lagen nach einem schweren Patzer von Marcel Schuhen und einem unnötigen Eigentor von Immanuel Höhn zur Halbzeit mit 0:2 zurück und kassierten kurz nach der Pause das 0:3. Danach schaltete Fürth etwas zurück und die Lilien wurden etwas besser, so dass es am Ende nur 1:3 stand. Viele der mitgereisten Fans kochten trotzdem vor Wut. Für die Spieler war der Gang zum Block mit ihren Anhängern alles andere als angenehm. „Es war gut, dass sich jeder da mal ausgekotzt hat. Da waren einige dabei, die ziemlich sauer waren„, räumte Kapitän Fabian Holland danach ein. Auch das folgende Heimspiel gegen Jahn Regensburg trug nicht zur Beruhigung bei. Ein aufreizend verschossener Elfmeter von Serdar Dursun und ein erneuter Patzer von Schuhen in der Nachspielzeit brachten die Mannschaft beim 2:2 um den erhofften Sieg.

Dimitrios Grammozis SV Darmstadt 98

Lilien-Trainer Dimitrios Grammozis

Angesichts der mageren sportlichen Bilanz wird die Kritik an Trainer Grammozis immer lauter – und schießt dabei manchmal auch über das Ziel hinaus. Ein Kommentar des Lilienblogs, der sich kritisch damit auseinandersetzt, dass der Trainer in Sätzen wie „Der Grieche muss weg“ nur noch auf seine Nationalität reduziert wird, sorgt für kontroverse Diskussionen. Grammozis selbst sagt später in einem Lilienblog-Interview, solche Sätze schmerzten ihn: „Ich bin in Deutschland geboren, hier aufgewachsen und habe die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht. Da ist es schade, wenn man solche Kommentare hört. Aber das ist eine absolute Minderheit. Der Großteil der Fans würde solche Parolen nicht anschlagen und verurteilt sie auch.“

Dezember: Versöhnlicher Abschluss und ein emotionaler Abschied

Mit drei Punkten aus vier Spielen ist die Dezember-Bilanz eher mäßig. Allerdings holten die Lilien sowohl gegen den VfB Stuttgart als auch gegen Hamburger SV jeweils ein Unentschieden, erwiesen sich gegen diese Spitzenteams zumindest zeitweise als ebenbürtiger Gegner, überzeugten kämpferisch und sorgten so dafür, dass der Funke zwischen Mannschaft und Fans wieder übersprang. Die sportliche Tendenz ging also zuletzt klar nach oben.

SV Darmstadt 98 gegen HSV

Auf ein Neues in 2020 – Die Lilien-Mannschaft nach dem 2:2 gegen den Hamburger SV

Der Videobeweis sorgte in den Spielen gegen Stuttgart (Mario Gomez) und Hamburg (Rick van Drongelen) dafür, dass zwei Gegentore wieder aberkannt wurden, so dass sich die Lilien auch da am Ende nicht beschweren konnten. Und mit der Verabschiedung von Ex-Kapitän Aytac Sulu beim letzten Spiel vor Weihnachten ging das Jahrzehnt am Böllenfalltor würdig und stimmungsvoll zu Ende.

SV Darmstadt 98 gegen HSV

Ein Großer sagt auf Wiedersehen – Aytac Sulu bei seiner Verabschiedung.

(Hier geht es zu Teil 1 des Jahresrückblicks)

Bildquellen

  • HSV-SVD-Lilienblog-2019-20-003: Arthur Schönbein
  • HSV-SVD-Lilienblog-2019-20-009: Arthur Schönbein
  • OSN-SVD-2019-20-blog-0011: Arthur Schönbein
  • Absturzgefahr: Stephan Köhnlein/Lilienblog
  • PEAIK2: Stephan Köhnlein/Lilienblog
  • svd-ksc-blog-2019-20-009: Arthur Schönbein
  • Dimmi-08: Arthur Schönbein
  • SVD-HSV-2019-20-blog-042: Arthur Schönbein
  • SVD-HSV-2019-20-blog-005: Arthur Schönbein
  • RB2019_2: Fotos Arthur Schönbein/Montage Lilienblog

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