Ein ereignisreiches Jahr 2021 neigt sich beim SV Darmstadt 98 dem Ende zu – Zeit für den Lilienblog, noch einmal zurückzublicken. Unter den vier Aspekten sportliche Höhepunkte, Tiefpunkte, Emotionen und Kuriosa lässt Lilienblog-Autor Stephan Köhnlein die vergangenen zwölf Monate nochmals Revue passieren.

Sportliche Höhepunkte

  1. Der Jahresabschluss in Regensburg
    Es war nicht die spielerische Leistung oder das Ergebnis bei der letzten Partie des Jahres bei Jahn Regensburg. Es waren vielmehr die Stimmung in und um die Mannschaft, der bemerkenswerte Startelf-Verzicht von Marvin Mehlem, das Traumtor von Tobias Kempe, die Aussage von Torsten Lieberknecht, dass ein möglicher Aufstieg nur ein Nebenprodukt sei. Kurz: Es war der gelungene Schlusspunkt unter ein tolles Lilien-Jahr.
  2. Das Comeback gegen Ingolstadt
    Die holprige Vorbereitung, die vielen Ausfälle, zwei Niederlagen in der Liga und das Pokal-Aus bei Drittligist 1860 München – nach drei Spieltagen standen die Lilien schon etwas unter Druck. Und dann das: Mit einer furiosen Leistung fegten sie Aufsteiger FC Ingolstadt mit 6:1 vom Platz – der Grundstein für eine großartige Hinrunde, die niemand so erwarten konnte.
  3. Das Comeback gegen Paderborn
    Schon im Winter hatten die Lilien unter Druck gestanden. Die Abstiegsplätze rückten immer näher. Die Mannschaft wirkte angesichts der vielen Umstellungen zunehmend verunsichert. Gegen Paderborn sah es Mitte der 2. Halbzeit auch nach einer Niederlage aus. Doch die Mannschaft zeigte Moral, steckte Rückstand und zwei aberkannte Treffer weg und gewann 3:2. Auch das war ein Grundstein – für die erfolgreichste Rückrunde der Vereinsgeschichte in der eingleisigen 2. Liga.
SSV Jahn Regensburg - SV Darmstadt 98

Alle haben sich lieb – gemeinsamer Jubel nach dem Spiel in Regensburg

Tiefpunkte

  1. Der Anfang-Wechsel 
    Es war ein Montagabend Anfang Juni, als das Telefon klingelte. Ein ziemlich empörter Verhandlungsteilnehmer erzählte mir, dass der SV Darmstadt 98 das Bremer Angebot für Trainer Markus Anfang nicht annehmen werde. Dann brach er ab, rief später nochmals an und erklärte, der Wechsel sei geplatzt, weil auch Bremen nicht mehr nachbessern wolle. Diese Information ging über Lilienblog und “kicker” in die Welt und war zum damaligen Zeitpunkt richtig. Ziemlich schnell setzte ein respektabler, grün-weißer Shitstorm ein, der nicht nur die Unabhängigkeit von Lilienblog- und “kicker”-Berichterstattung in Frage stellte, sondern auch ins Persönliche ging – mit Beschimpfungen, der Veröffentlichung meiner Privatadresse sowie Beschwerden und Forderungen bei meinen Auftraggebern, sich von mir zu trennen. Es war sicher journalistisch ungenau, kategorisch zu schreiben, dass der Wechsel geplatzt sei. Aber es wurde schnell beim Lilienblog und etwas später auch beim “kicker” relativiert, dass dies wohl nicht der Endpunkt in der Geschichte sein könnte – auch wenn der Verein versichert hatte, Anfang notfalls ein Jahr lang stillzulegen. Nach einigen weiteren Umdrehungen einigten sich beide Vereine dann doch noch. In Darmstadt ist man darüber rückblickend nicht unglücklich. In Bremen sieht man das heute womöglich anders.
  2. Das 0:1 gegen Karlsruhe
    Nach einer spielerisch wie kämpferisch schwachen Leistung in der leeren und kalten Baustelle am Böllenfalltor verlieren die Lilien 0:1 gegen den Karlsruher SC und sind nur noch vier Punkte von Relegationsrang 16 entfernt. Sportchef Carsten Wehlmann und Präsident Rüdiger Fritsch sehen sich in der Folge gezwungen, Trainer Markus Anfang den Rücken zu stärken und die Mannschaft in die Pflicht zu nehmen. Die drängt den Coach zur Systemumstellung auf zwei defensive Mittelfeldspieler. So geht es gegen Paderborn (siehe Höhepunkte).
  3. Das Pokal-Aus gegen 1860
    Es war ein stimmungsvoller Abend im geschichtsträchtigen Stadion an der Grünwalder Straße gegen Drittligist 1860 München. Die Partie war nicht wirklich gut, aber umkämpft und spannend – nur leider ohne Happy End für ersatzgeschwächte Lilien. “Du wirst sehen: Wir werden so viel Energie aus der Scheiße ziehen”, sagte Lilien-Keeper Marcel Schuhen nach dem Spiel. So richtig glauben wollte ich ihm das nicht. Aber er sollte Recht behalten, wie schon das nächste Spiel gegen Ingolstadt zeigte.
Patric Pfeiffer, TSV 1860 München - SV Darmstadt 98

Patric Pfeiffer nach seinem verschossenen Elfmeter gegen 1860 München

Emotionen

  1. Dursun weint
    Dass Serdar Dursun den SV Darmstadt 98 nach drei erfolgreichen und torreichen Jahren verlassen würde, hatte sich schon länger abgezeichnet. Nach dem 5:1 gegen den 1. FC Heidenheim, bei dem er vier Tore geschossen hatte, schnappte sich Dursun den Spielball steckte ihn – als werdender Vater – unter sein Trikot und schritt mit dem falschen Babybauch allein durch das leere Stadion am Böllenfalltor. Es war so ein Franz-Beckenbauer-Moment. Auch der Fußball-Kaiser hatte 1990 nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft und im Wissen um seinen Abschied im Stadion in Rom die Ruhe gesucht und war in sich versunken über den Platz gewandelt. Als sich Dursun dann vor der Südtribüne auf dem Rasen niederließ, weinte er. Jan Becher aus der Medienabteilung kam auf ihn zu. Zunächst wehrte Dursun ab, dachte, er müsse ein Statement abgeben. Doch schließlich setzten sich beide einfach nur nebeneinander, Becher legte den Arm aufmunternd um den Torjäger und beide blickten für einige Momente auf die leeren Ränge. Später verkündete Dursun offiziell seinen Abschied, dankte mit emotionalen Worten und brüchiger Stimme Mitspielern, Umfeld und besonders seinen Trainern in Darmstadt, die an ihn geglaubt und ihn vorangebracht hätten.
  2. Palsson öffnet sich
    Depressionen im Fußball sind noch immer ein Tabuthema – auch mehr als zwölf Jahre nach dem Selbstmord von Robert Enke hat sich da nicht viel geändert. Victor Palsson ist auf dem Platz ein Leader, laut und hart. Umso eindrücklicher war es, dass er sich im Frühjahr offen zu seinen Depressionen bekannte – und dazu, dass er deswegen professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Wenn das Schweigen um psychische Probleme gebrochen wird, wird es für Betroffene einfacher, sich Hilfe zu suchen und Verständnis zu finden.
  3. Anfang ruiniert sich selbst
    Man kann Markus Anfang sicher viel vorwerfen: Sein unschöner Abgang beim SV Darmstadt 98 zum Beispiel, seine Neigung zu Hybris und Selbstüberschätzung. Aber er war sportlich erfolgreich und gegenüber Journalisten, aber nach meinen Erfahrungen auch gegenüber den Menschen auf der Straße freundlich, respektvoll, offen und reflektiert. Wie er sich mit einem offenbar gefälschten Corona-Impfzertifikat so vergaloppieren und für einen Trainerjob vermutlich für die kommenden Jahre disqualifiziert hat, ist unfassbar.
Serdar Dursun, SV Darmstadt 98

Ein wehmütiger Abschied von Serdar Dursun

Kuriosa

  1. Eine falsche Gratulation
    Pressekonferenzen via Zoom sind immer eine Herausforderung – besonders unter Zeitdruck im Stadion. Bin ich zu hören? Gibt es Störgeräusche von anderen Teilnehmern? Nach dem 2:2 beim Hamburger SV war ich mit meinen Gedanken noch anderswo, kämpfte mit der Technik und wollte meine Frage an Torsten Lieberknecht mit einem freundlichen Satz einleiten. Deswegen gratulierte ich ihm zum Sieg. Peinlich, nicht mal die Ausrede von einem gefühlten Sieg zog, weil die Lilien am Ende die klar besseren Chancen hatten. Aber Fehler machen wir alle mal. Lieberknecht nahm es mit Humor, erzählte später, dass Hamburgs Coach Tim Walter aber ziemlich irritiert geguckt habe.
  2. Zur falschen Zeit am falschen Ort
    Seit Saisonbeginn fanden die Pressekonferenzen vor den Spieltagen als Präsenzveranstaltung statt. Auf den letzten Drücker hetzte ich deswegen zur Pressekonferenz vor dem Düsseldorf-Spiel. Ich war der einzige Journalist und blickte in die grinsenden Gesichter von Torsten Lieberknecht und Medienchef Jan Bergholz. Wegen der steigenden Corona-Zahlen war die Pk wieder als Zoom-Veranstaltung anberaumt worden. Wer die Einladung liest, ist klar im Vorteil …
  3. Grammozis wieder Lilien-Trainer?
    Kein tiefgehendes Interview, keine Exklusiv-Information, keine aufwendig recherchierte Geschichte – die mit weitem Abstand höchsten Klickzahlen in der Geschichte des Lilienblogs erzielte ein Text, der auf einen Fehler eines Computerprogramms hinwies. Die “Welt” hatte auf ihrer Online-Seite in einem automatisch erzeugten Vorbericht auf das Spiel der Lilien bei Erzgebirge Aue geschrieben, dass Dimitrios Grammozis den SV Darmstadt 98 als Trainer betreue. Das ist natürlich ein wenig kurios, aber wieso die Geschichte so exorbitante Klickzahlen erreichte, entzieht sich dem Verständnis des Lilienblogs bis heute.

 

Bildquellen

  • SSV-SVD-2021-22-blog-0041a: Arthur Schönbein
  • M60-SVD-2021-22-pokal-blog-0031: Arthur Schönbein
  • IMG_0895: Stephan Köhnlein
  • Fahne_Lilien: Pixabay

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